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Typen „Ohne Musik könnte ich nicht leben“
Mehr Typen „Ohne Musik könnte ich nicht leben“
09:27 07.02.2019
Hardy Lugerth ist ein kreativer Autodidakt.  Quelle: Doris Hennies
.

Wie von selbst tanzen die Finger über die Saiten, mal spielerisch, mal entschlossen und kraftvoll. Wenn Hardy Lugerth zu seiner Gitarre greift und zu spielen beginnt, entsteht eine Symbiose zwischen Mann und Instrument. Die Musik erdet ihn und gleichzeitig scheint sie ihm Flügel zu verleihen. „Ohne Musik könnte ich nicht leben, dann bin ich ganz nah bei mir“, sagt der 42-Jährige und lächelt. Sie sorgt nicht nur für Glücksmomente, Stärke und Trost, sie hat ihm auch über die Jahre hinweg einen großen, durchaus illustren Kreis von Freunden beschert – viele, wie er, eng mit ihrer Musik verbunden, Seelenverwandte. Ein großer Anteil darunter lebt nicht nur mit, sondern auch von seiner Musik – versucht es zumindest. Die Frage nach dem Erfolg ist Lugerth egal: „Es gibt großartige Musiker, die nicht bekannt sind, und andere, die bekannt sind, aber längst nicht so gut“, sagt er nur.

Die Liebe zur Musik wuchs früh. „Meine Eltern waren Beatles-Fans. Als Kind wollte ich unbedingt Gitarre spielen lernen, bekam aber erst mal nur eine billige Ukulele“ – ein Instrument, das erst Jahrzehnte später wieder, dann aber umso intensiver, eine Rolle in seinem Musikerleben spielen sollte. Mit 15 Jahren hat er in der Schul-AG auf einer alten Gitarre erste Grundlagen mitbekommen. „Dann hab' ich mir aus der Bücherei ein Beatles-Songbook geliehen und mir den dritten Akkord beigebracht – es fiel mir leicht." Weder Tatendrang noch Neugier waren damit gestillt. Im Laufe der Zeit arbeitete sich der Musikbegeisterte durch beinahe alle Saiten- und Zupfinstrumente, auch Drums und Piano waren dabei. Die alte Liebe zur Gitarre blieb – die neue Liebe zur Ukulele kam dazu. Darin gibt er sogar Unterricht, „so lerne ich ständig noch mit“.

Ein lustiges Aufnahmegespräch

Hardy Lugerth ist Schulsekretär am Hermann-Billung-Gymnasium in Celle (HBG). Um die Stelle hat er sich vor sieben Jahren, nach Abschluss einer Verwaltungsausbildung beim Landkreis, beworben. „Es war ein gutes und auch lustiges Aufnahmegespräch“, erinnert er sich schmunzelnd. „Eine Frage war, ob es mir etwas ausmache, für jemanden auch mal Kaffee zu kochen. Nö, hab ich gesagt, das mach' ich ja auch für meine Frau.“ Er bekam die Stelle – und dafür ist er noch immer dankbar, denn seine Arbeit gefällt ihm, ermöglicht ihm in vielen Bereichen, seine Kreativität auszuüben, denn längst hat auch die Schulleitung das Potenzial dieses zurückhaltend wirkenden Mitarbeiters entdeckt und zu schätzen gelernt – und lässt ihn machen. „Und wenn es mal nicht ganz reibungslos geht mit meinen Ideen und der Umsetzung, dann bekomme ich den Bonus „Er ist halt ein Künstler“, zwinkert er.

Musik-AGs, Aufführungen bis hin zu den Plakaten: Hardy Lugerth produziert für alle Schultheaterinszenierungen individuelle Entwürfe: „Ich habe mir vorgenommen, jeden Darsteller auf den Plakaten abzubilden. So ein handgedrucktes Plakat bekommt dann auch jeder als Erinnerung in die Hand.“ Radierungen, Federzeichnungen, Linolschnitte – kaum eine Technik, die der kreative Autodidakt nicht schon ausprobiert hat und beherrscht. "Learning by doing" ist seine Devise. Er ist immer neugierig, stets auf der Suche nach Neuem. Hat etwas sein Interesse geweckt, beißt er sich fest und bleibt dran, bis er weiß, wie es geht. Fehlversuche werden verschmerzt, selten aber das Ziel aufgegeben. Es ist diese Lust an der Vielfalt von Möglichkeiten: „Ich will mich selber überraschen und nicht langweilen!“ Das gilt auch für die zahlreichen CD-Cover und Booklets, die er für andere Musiker entworfen hat. Nicht stehen bleiben, sondern sehen, was da noch so möglich ist, gilt für die Malerei ebenso wie für die Musik und alle sonstigen kreativen Beschäftigungen in seinem Leben.

Eltern werden nach Fluchtversuch inhaftiert

Das Künstlerische steckt dem schlanken Mann, geboren im thüringischen Ilmenau, im Blut. Sein Großvater war Landschaftsmaler, sein Großonkel – Ferdinand Lugerth – ein bekannter Bildhauer. „Auch mein Vater war talentiert und musisch interessiert – soweit das sein Beruf als Maschineneinrichter in der Fabrik zuließ“ – wo auch die Mutter arbeitete. Für Freigeister war die damalige DDR kein gutes Land zum Leben – zu eng, zu dominiert. Zu Hause wurde sehr offen geredet, erinnert sich der damals Neunjährige: „Man hat uns Kinder in die Gespräche mit einbezogen und ernst genommen. Wir haben uns gleichberechtigt und gleichwertig gefühlt. Das hat die Grundlage gelegt, wie ich mit Menschen umgehe." Die Familie beschließt, über Tschechien zu fliehen. Der Versuch schlägt fehl. Die Eltern werden inhaftiert, Hardy Lugerth und seine zweieinhalb Jahre ältere Schwester kommen ins Heim. Erst ein Jahr später erfolgt die Abschiebung in den Westen. Die Kinder sind zur Adoption freigegeben. „Aber als wir das mitbekamen, haben wir uns so schrecklich benommen, dass man uns dann wohl doch nur loswerden wollte.“ Einen Monat nach den Eltern erreichen auch sie die neue Heimat, Celle.

Die Erfahrungen haben Spuren hinterlassen. In der Schule findet der junge Teenager Hardy (übrigens ist das kein Spitzname: „Mein Vater war großer Fan von Hardy Krüger – deshalb bekam ich diesen Namen“) keinen wirklichen Platz. Kurz vorm Abschluss bricht er die Schule ab – den erweiterten Realschulabschluss macht er später über die VHS. Er fängt eine Tischlerlehre an – „Ich wollte eigentlich Gitarrenbauer werden“ – bricht sie wegen fehlender künstlerischer Inspiration wieder ab. Auch mit einer Ausbildung zum Erzieher klappt es nicht besser. Er schlägt sich als freischaffender Künstler durchs Leben: malt Werbetafeln, Ladenschilder oder Bilder für Gebäude; ist als Straßenmusiker und Bühnenarbeiter unterwegs . „Ich hab' jeden Job angenommen, der sich mir bot – von der Hand in den Mund – die große Freiheit bedeutete auch großen Druck, kein Plan für Zukunft, kein fester Halt.“

Im November 1999 lernt er die Frau seines Lebens kennen – er arbeitet gerade auf der Expo in Hannover. „An diesem Tag war mir schon klar, dass ich sie heiraten werde." Sie wird sein Fels, erdet ihn mehr als seine Musik. Er sucht sich einen festen Job, macht bei "McDonald's" die Ausbildung zum Systemgastronom. Wechselt nach dem nachgeholten Schulabschluss zum Landkreis. Im November 2008 haben sie geheiratet. „Meine Frau ist das Beste, was mir je begegnen konnte. Sie trägt und erträgt all meine Ideen und Entscheidungen – selbst die schwachsinnigen – mit, hat selbst Spaß daran, lässt mich machen. Wir sind ein so tolles Team – sie ist Gold wert und so gerade und ehrlich. Das schätzen unter anderem meine Musikerfreunde. Bei uns geht es nur um den Menschen, nicht um den Schein.“

leiser Liedermacherabend am 8. Februar im HBG

Einen seiner Freunde hat Lugerth jetzt zum nächsten, von ihm organisierten „Liedermacherabend“ am HBG eingeladen – und er hat zugesagt: Am 8. Februar, ab 18 Uhr, wird der über den deutschen Norden hinaus bekannte Gitarrist Jens Kommnick als „Special Guest“ im Forum des Gymnasiums auftreten und die jungen Musiker unterstützen. „Diesmal wird es eine ruhige, leise Veranstaltung, weil die sonst auch von der Lehrerschaft eingebrachten rockigen Töne leider ausfallen. Richtig toll wird es allemal.“

Lebenslauf

20. 2. 1976

in Ilmenau in Thüringen geboren

1985

Fluchtversuch aus der DDR

1986

Abschiebung in den Westen,
neue Heimat Celle

1991

Schulabbruch – verschiedene Ausbildungsversuche folgten

1999

seine Frau kennengelernt

nach 2000

Verwaltungslehre beim Landkreis Celle abgeschlossen

2012

Stelle als Schulsekretär
im HGB angetreten

Von Doris Hennies

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