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Typen Schutz für Kinder in Brasilien
Mehr Typen Schutz für Kinder in Brasilien
13:39 13.06.2010
Die bilder sind unheimlich schön Quelle: Torsten Volkmer
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Hermannsburg

Dieses Projekt existiert immer noch und hat einen nationalen Förderpreis der Itau-Bank/Unicef in Brasilien gewonnen und wurde auch von Frau Herzog und Königin Silvia von Schweden besucht.

Von Udo Genth

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HERMANNSBURG. Im Lebensweg von Ellen Dobberahn gab es zwei bedeutsame Weichenstellungen. Sie wurde in Mühlheim an der Ruhr geboren. Obwohl evangelisch, legte sie ihr Abitur am Katholischen Mädchengymnasium Marienschule in Essen ab. Danach begann sie eine Ausbildung zur Abteilungsleiterin in einem großen Warenhauskonzern. Dort erfolgte die erste Wendung. „Mir war schnell klar, dass ich Lehrerin werden wollte“, erinnert sich Ellen Dobberahn heute. Also brach sie die Lehre ab und studierte in Freiburg im Breisgau sowie im westfälischen Münster, um schließlich Grundschullehrerin in Wuppertal zu werden.

Ausländeranteil

von rund 60 Prozent

An ihrer Schule herrschte seinerzeit ein Ausländeranteil von rund 60 Prozent, wie sie schätzt. Viele der Kinder waren allein gelassen – im realen wie übertragenen Sinne. Ellen Dyckerhoff, wie sie damals noch hieß, organisierte gemeinsam mit den örtlichen evangelischen Gemeinden Schulaufgabenhilfen und Freizeitbegleitungen für diese Kinder. „Wir spielten zum Beispiel gemeinsam“, erinnert sich Ellen Dobberahn, „Gesellschaftsspiele kannten die meisten von zu Hause gar nicht“.

1982 heiratete sie Friedrich Erich Dobberahn, Doktor der Philosophie und der Theologie, Pfarrer in Wuppertal. Sein Ziel war es, nach Brasilien zu gehen und Kirche und Glaube unter den dortigen Bedingungen kennen zu lernen. Das begeisterte auch die junge Ehefrau, und damit war der zweite, diesmal wahrhaft entscheidende Wendepunkt gegeben. Das Ehepaar und zwei inzwischen geborene Kinder kamen 1985 nach Sao Leopoldo im südlichsten brasilianischen Bundesstatt Rio Grande do Sul. Die Zeit ihrer Ankunft fiel in einen bewegten Abschnitt der brasilianischen Geschichte. Nach Jahrzehnten der Herrschaft wechselnder Generale war das größte Land Lateinamerikas kurz vorher zur Demokratie zurückgekehrt.

Während ihr Ehemann in Sao Leopoldo eine Professur erhielt, bekam sie keine Arbeitserlaubnis. Das bedeutet natürlich nicht, dass Ellen Dobberahn nun im Schatten ihres Mannes still als Pfarrfrau wirkte. Vielmehr begann sie hier, sich ehrenamtlich um „sozial und bildungsmäßig benachteiligte Kinder“ – so der offizielle Terminus – zu kümmern. „Bei uns in Deutschland nennt man diese Kinder ganz allgemein ‚Straßenkinder’. Das ist aber nur ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Lebensformen. Da gibt es Kinder, die haben zwar eine Familie, leben jedoch tagsüber auf der Straße. Andere hingegen haben keinerlei familiäre Bindungen, vielmehr bilden die Straßenkinder selbst eine Art Ersatzfamilie“. Ellen Dobberahn berichtet von der hilflosen Art der Behörden, mit dem Problem Straßenkinder umzugehen. Wegsperren in Lager war ihre Lösung. Damit wurde allenfalls ein zeitlicher Aufschub erreicht, denn da die Kinder keinerlei pädagogische Betreuung oder Ausbildung erhielten, waren sie nach der Entlassung völlig bindungs- und orientierungslos.

Seit 1987 am Aufbau

des Projekts beteiligt

Ab 1987 beteiligte sich Ellen Dobberahn am Aufbau des Straßenkinderprojekt „Proame“ mit brasilianischen Sozialarbeitern vor Ort. Dabei begegnete sie oftmals Vorbehalten. Die brasilianischen Sozialarbeiter hatten schlechte Erfahrungen mit Europäern gemacht, da diese immer genaue Vorstellungen hatten, wie eine Sozialarbeit auszusehen hat, ohne das Wissen der einheimischen Kollegen abzurufen. „In den Jahren des Aufbaus von ,Proame’ war ich die Lernende“, stellt Ellen Dobberahn im Rückblick fest. Neu am Projekt war, dass die Familien, Schulen und andere Organisationen mit in die Arbeit einbezogen wurden. Dem lag die Erkenntnis zugrunde, dass eine Veränderung der Lebensverhältnisse nur möglich ist, wenn alle Beteiligten mitwirken.

Das Programm war anspruchsvoll und umfangreich. Es umfasste Hausaufgabenbetreuung, Anleitung zur Freizeitgestaltung durch Bereitstellung von Büchereien, Theaterspiel und Musik bis hin zum Instrumentenbau, aber gleichermaßen Gesundheitsversorgung und Berufspraktika.

Neues Jugendgesetzbuch im Jahr 1989 vorgestellt

Nach und nach begann sich die Situation zu verändern. 1989 wurde ein neues Kinder- und Jugendgesetzbuch vorgestellt, das von der Basis her entwickelt worden war. Das Gesetzeswerk trat zwei Jahre später in Kraft. Ellen Dobberahn freut sich heute noch, dass sie durch ihre Mitarbeit einen Anteil an diesem Gesetz hat. Damit war ihr Engagement nicht beendet. Sie setzte sich für HIV-Infizierte und ihre Familien ein und begann Arbeit mit Mädchen, denen Gewalt angetan wurde. Speziell diese Arbeit wurde teilweise durch die „WorldChildhoodFoudation“ von Königin Silvia von Schweden ideell und finanziell unterstützt.

1993 kehrte die nunmehr sechsköpfige Familie Dobberahn – 1982 und 1984 waren dem Ehepaar weitere zwei Kinder geboren worden – nach Deutschland zurück. Ellen Dobberahn wurde wieder Grundschullehrerin in Wuppertal. „Brasilien hat mich zu einem politischen Menschen gemacht“, sagt sie. Das Zusammentreffen von ihrem Glauben mit der so genannten „Befreiungs-Theologie“ in Brasilien unter den Zuständen in weiten Bereichen der sozial Schwachen hat ihre diesbezügliche Entwicklung gefördert. Wohl auch vor diesem Hintergrund hat Dobberahn staunend festgestellt, dass sich in der Bundesrepublik inzwischen die Familien verändert hatten. Ihrer Beobachtung nach wurden die Kinder viel mehr allein gelassen, zahlreiche Eltern zogen sich aus ihrer Verantwortung zurück und schoben die Erziehungsarbeit auf die Schulen ab.

Seit nunmehr gut einem Jahrzehnt wohnen die Dobberahns in Hermannsburg. Ellen Dobberahn ist Lehrerin an der Unterlüßer „Waldschule“, unterhält jedoch weiterhin Kontakte nach Brasilien. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, in Vorträgen und Veröffentlichungen über diese wichtige Arbeit zu berichten. Dass Deutschland keineswegs eine „Insel der Glückseligen“ für Kinder und Jugendliche ist, steht für Ellen Dobberahn aus eigener Anschauung her fest.

Von Udo Genth