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Typen Sportlerin mit Leib und Seele
Mehr Typen Sportlerin mit Leib und Seele
17:25 27.07.2016
Ingrid Lutterloh verbringt viel Zeit in ihrem geschmackvoll gestalteten Garten mit den üppig blühenden Rosen. Quelle: Lothar H. Bluhm
Eschede

Sie arbeitete in einem Hamburger Büro als Sekretärin und Korrespondentin, als die Este über die Ufer trat. „An einer ganz anderen Stelle als vermutet brach der Deich. So kam das Wasser praktisch von hinten …“ Das Buxtehuder Krankenhaus am Bollweg musste evakuiert werden, etliche Straßenzüge standen unter Wasser.

Dabei empfand Ingrid Lutterloh das Leben in Buxtehude als sehr angenehm und schön. 1945 kam sie mit ihrer Mutter und ihren vier älteren Geschwistern in die Stadt südlich der Elbe. „Da war ich drei“, sagt sie, und ihre Erinnerungen an Erzählungen gehen noch weiter zurück: „Mein Vater war damals bei der Marine. Wir wohnten bei Danzig, und mein Vater hatte uns für die Flucht aus Danzig Fahrkarten für den 30. Januar 1945 für die ‚Wilhelm Gustloff‘ besorgt.“ Das Kreuzfahrtschiff der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“ diente während des Krieges unter anderem als Lazarettschiff. Es legte völlig überladen in Danzig ab und wurde wenig später durch einen sowjetischen Torpedoangriff versenkt. Mit ihm fast alle Passagiere und Besatzungsmitglieder.

Lutterloh: „Mit Pferd und Wagen sind wir von unserer Wohnung zum Hafen gefahren und mussten feststellen, dass das Schiff bereits zu voll war. Wir kamen nicht mehr mit …“ – Pause.

„Das ehemalige ‚Kraft-durch-Freude‘-Schiff ‚Wilhelm Gustloff‘ wurde nach der Ausfahrt aus Danzig versenkt“, lautete eine Meldung in der „Feldpost“ Nummer 21 vom 6. Februar 1945, herausgegeben von der Amerikanischen Armee in Westeuropa.

Über Umwege und eine abenteuerliche Irrfahrt gelangte die Familie dann nach Wochen über Hamburg nach Buxtehude. „Meine Mutter war eine sehr starke Frau, die sich immer um uns Kinder kümmerte.“ Erst Monate später erfuhr ihr Vater davon, dass seine Familie nicht auf der „Wilhelm Gustloff“ war und untergegangen ist. – Erneute Pause.

In Buxtehude ging Ingrid Lutterloh zur Schule und schloss mit der Höheren Handelsschule ab. „Meinen Körper einzusetzen und mich zu bewegen, hat mich schon immer fasziniert“, sagt Lutterloh heute. Eigentlich wollte sie Sportlehrerin werden und so ihre Sportleidenschaft ausleben, doch ihre Eltern waren dagegen. Ein Studium war damals nicht drin. Dabei trat sie schon 1956, da war sie gerade 14 Jahre alt, in den Buxtehuder Sportverein ein. – Das musste reichen. „Sport ist von Kind an mein Leben. Es hieß immer wieder üben, üben, üben …“, sagt Lutterloh. „Smartphones oder so gab es damals nicht. Es wurde viel draußen gespielt.“ Sie habe etwas von ihrer Oma geerbt, die habe auch immer gespielt und sich die verrücktesten Sachen ausgedacht. Logisch, dass Lutterloh bei den Bundesjugendspielen immer Ehrenurkunden errungen hat. Die Diskussion um Abschaffung der Wettkämpfe könne sie überhaupt nicht nachvollziehen.

Leitung der Gymnastiksparte

In Buxtehude lernte sie den damaligen Studenten Wilhelm Lutterloh aus Eschede bei Celle kennen. Beide zeigten Zuneigung zueinander. Es war die große Liebe. 1964 wurde geheiratet. Ingrid Lutterlohs Leben setzte sich in Eschede fort, denn hier besitzt die Familie Lutterloh seit fast 120 Jahren ein Baugeschäft. „Unser Sohn führt das Baugeschäft jetzt bereits in der vierten Generation“, stellt Ingrid Lutterloh nicht ohne Stolz fest. Schließlich hat sie sich von Anfang an um das Büro gekümmert. Auch als ihre Kinder Mark und Frank geboren waren, arbeitete sie im Geschäft mit.

Sport ist immer ein wichtiges Thema im Leben von Ingrid Lutterloh ist: 1966 schloss sie sich der damals frisch gegründeten Gymnastiksparte des TuS Eschede an. Gleichzeitig entstand eine Kinderturngruppe. Als Trainerin wollte sie Wissen weitergeben. Sie wurde Übungsleiterin und übernahm später die Leitung der Gymnastiksparte. „Wenn ich schon nicht als Sportlehrerin arbeiten konnte, wollte ich mir wenigstens so meinen Traum erfüllen“, erinnert sich Lutterloh und lächelt.

Ihre Hauptgruppe neben den „Mittleren“ und den „Jüngeren“ wurden die „Oldies“. „Heute sind Frauen in der Gruppe, die bei mir schon Kinderturnen gemacht haben.“

Die Sportfreunde treffen sich jede Woche zum Training.

Die älteste Teilnehmerin ist 99 Jahre – für Lutterloh eine große Freude: „Sie kann nicht mehr jede Übung mit der gleichen Intensität mitmachen, aber sie ist sehr engagiert. Das finde ich schön.“

Lutterloh sei wichtig, immer mit Leib und Seele dabei zu sein. Besonders froh ist sie über den Zusammenhalt in der Gruppe: „Über die Jahre sind Freundschaften entstanden, die weit über den Sport hinausgehen. Wir treffen uns zum Kaffee oder machen auch mal Tagesausflüge an den See“, erzählt die Eschederin, die auch dann da ist, wenn mal jemand Hilfe braucht. Erst vor kurzem begleitete sie eine Sportkameradin auf ihrem letzten Weg. „Es ist ein gutes Gefühl, sie begleitet und ihre Hände gehalten zu haben …“ – Pause.

Wenn es ihre Zeit zulässt, liest Ingrid Lutterloh Krimis und Spannendes. Aber auch Bücher von Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Bill Clinton stehen im Regal. Neben dem kleinen Belletristik-Band „Mein lieber Herr Nachbar!“ von Jürgen Sprenzinger und Wolfgang Schlingen. Viel Zeit verbringt Ingrid Lutterloh aber auch in ihrem geschmackvoll gestalteten Garten.

Unaufrichtigkeit und hinter dem Rücken über einander herziehen mag Ingrid Lutterloh gar nicht. Weder privat noch geschäftlich oder im Sport. „Das kenn‘ ich so aus meinem Elternhaus, wir waren immer offen und ehrlich miteinander“, beschreibt sie auch ihren eigenen Erziehungsstil, den ihre Kinder Mark und Frank erfahren haben und den auch die Enkelinnen Sarah und Lea spüren: Sie kommen immer gern zu ihrer Oma, die jetzt dabei ist, für das Sportabzeichen zu trainieren: Es ist ihr 39.

Lebenslauf

1. Juni 1942 als jüngstes von fünf Kindern in Danzig geboren, drei Jahre später gemeinsam mit der Familie über Hamburg nach Buxtehude geflüchtet

1945 bis 1964 Schulbesuche sowie anschließende Tätigkeit als Sekretärin und Korrespondentin

1964 Hochzeit mit Wilhelm Lutterloh und Umzug nach Eschede; Mitarbeit im Familienunternehmen

1964 Geburt des Sohnes Mark

1966 Geburt des Sohnes Frank

1998 Übergabe des Baugeschäftes an die vierte Generation

2014 Goldene Hochzeit

Von Lothar H. Bluhm