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Typen „Fühle mich fast eingedeutscht“
Mehr Typen „Fühle mich fast eingedeutscht“
12:47 13.02.2019
Der heute 16-jährige Mathew Abdelmassieh kam 2014 nach Hermannsburg. Quelle: Lothar H. Bluhm
Hermannsburg

Mathew Abdelmassieh muss am nächsten Tag früh aufstehen: Spätestens um 6 Uhr klingelt sein Wecker, weil er dann eine Reise nach Bremen antritt. Dort nimmt er an einem Computerkursus teil. „Das ist schon der zweite Seminarteil“, freut sich der 15-Jährige bereits vorher auf die zu erwartenden neuen Impulse. Mathew Abdelmassieh ist Ägypter und seit dem Sommer Stipendiat der Start-Stiftung. Und er ist der Einzige aus dem Landkreis Celle. „Ich hab sehr viele deutsche Freunde in der Schule, da fühle ich mich schon fast eingedeutscht“, sagt Mathew.

Es war zu Beginn des zweiten Schulhalbjahres 2013/14, als er in die Klasse 4c der Hermann-Billung-Grundschule zur Klassenlehrerin Gesa Prilop kam. „Wir sind morgens um drei Uhr aus Ägypten angekommen und schon um 7.30 Uhr musste ich zur Anmeldung in der Schule sein“, schildert Mathew seinen ersten Schultag in Hermannsburg. „Ich konnte kein Wort Deutsch. Es war aber ein Platz für mich in der Mitte der Klasse frei und Frau Prilop hat mich gut in der Klasse vorgestellt.“ Mathew sprach Arabisch. Er hatte Englisch in der Grundschule seit der ersten Klasse gelernt. Das war zunächst die gemeinsame Sprache.

Wie Mathew weiter erzählt, sah er damals auch Schnee – zum ersten Mal in seinem Leben. Neu und gewöhnungsbedürftig war für ihn auch, dass der Klassenraum knallgelb angemalt war und dass die Kinder Hausschuhe anhatten: „Das fand ich schon komisch“, sagt Mathew heute.

Aus Kairo
nach Hermannsburg

Er hatte das Glück, dass sich auch die ehemalige Lehrerin Ulrike Doormann um ihn kümmerte und mit ihm Deutsch lernte. Zusammen mit seiner Mutter Evet und seinem Bruder Calvin kam er aus der ägyptischen Hauptstadt Kairo nach Hermannsburg. Dort ging er in eine christliche Privatschule. Es sei in Ägypten weit verbreitet, dass Privatschulen besucht werden, sagt Mathew. Zwar seien auch staatliche Schulen gut ausgestattet, häufig fiele aber Unterricht aus, weil Lehrer fehlen.

Mathew lebte mit seiner Mutter und seinem Bruder in Kairo, nachdem sie die Pastoren-Dienstwohnung in der Provinzhauptstadt Minya aufgeben mussten. Sein Vater Francis war zuvor Pastor in einer sehr großen evangelischen Kirchengemeinde. Aufgrund der unsicheren Situation für Christen während des Arabischen Frühlings mit Drohungen für die Familie erhielt er zwar Polizeischutz, entschied sich aber zu einer Ausreise nach Deutschland, um an der Fachhochschule für interkulturelle Theologie in Hermannsburg/Göttingen sein Masterexamen zu machen. „Eigentlich war geplant, dass mein Vater nach seinem Abschluss zwei Jahre später wieder zurückkehrt nach Ägypten.“ Aber die bedrohliche Lage blieb unverändert. So entschloss sich Francis Abdelmassieh, die Familie nachziehen zu lassen.

Mit der Umsiedlung nach Hermannsburg begann also ein ganz neuer Lebensabschnitt für die Familie. Ehefrau Evet engagiert sich sehr als Leiterin des Mutter-Kind-Cafés und Francis war der Hauptinitiator des Männercafés. „Ohne das Engagement von Familie Abdelmassieh würde die Situation der arabischen Flüchtlinge hier in Hermannsburg anders aussehen“, beschreibt das Kirchenvorstandsmitglied Bernd Eichert den Status quo. „Durch ihre Sprachkenntnisse – Arabisch ist ihre Muttersprache – haben sie gerade zu Anfang erhebliche Verständigungsarbeit geleistet.“ Und Mathew übersetzt auch heute, wenn Bedarf besteht. Wie überhaupt seine Hilfsbereitschaft erheblich mit dazu beigetragen hat, dass er in das Stipendiatenprogramm der Start-Stiftung aufgenommen wurde.

Faire Bildungschancen für alle

Die Stiftung wurde 2007 gegründet. Sie ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und in fast ganz Deutschland und in Teilen Österreichs aktiv. Geknüpft wurde inzwischen ein großes Netzwerk aus Ministerien, Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen. Die Start-Stiftung ist nach eigenen Angaben das führende Civic-Leadership-Programm für herausragende Jugendliche mit Migrationserfahrung: „Diese entfalten mit Start ihre Potenziale für ihre persönliche Entwicklung. Diese Jugendlichen übernehmen Verantwortung und sind couragierte Gestalterinnen und Gestalter, die einen aktiven Beitrag zur Stärkung unserer offenen Gesellschaft und lebendigen Demokratie leisten.“ Die Stiftung will eine lebendige Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und freiheitliche Werte in unserer offenen Gesellschaft stärken. Faire Bildungschancen für alle bilden die Grundlage einer starken Demokratie. Kein Wunder, dass es sich Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) nicht nehmen ließ, die neuen Stipendiaten persönlich zu begrüßen. Auch Mathew.

„Ich wollte unbedingt aufs Gymnasium gehen“, beschreibt Mathew seine Motivation in der Grundschule. Nach nur einem halben Jahr gab es noch keine Zensuren. Durch ein Gespräch mit der Direktorin, den Eltern und Frau Doormann wurde Mathew in die fünfte Klasse von Gesa Edler auf dem Christian-Gymnasium aufgenommen. Sie hat ihn in die Klasse eingebunden, ihm aus dem Beratungsteam einen Lehrer für Deutsch organisiert, und durch einen so genannten Nachteilsausgleich wurde ihm bei Klassenarbeiten mehr Zeit zugestanden. „Die fünfte Klasse war ein Probejahr. Aber es hat alles geklappt.“ Frau Edler bestätigte den Eltern, dass Mathew ins Gymnasium gehört.

mehr Anmeldungen
als freie Plätze

Vor einem Jahr kam seine damalige Klassenlehrerin Pia Koscelny mit einem Flyer über das Stipendium auf ihn zu, riet ihm, sich zu bewerben, und schrieb selbst eine Empfehlung an die Stiftung. „Bis dahin hatte ich noch nie etwas von der Stiftung gehört, aber ich war neugierig und habe mich beworben.“ Bei einem Blick auf die Web-Site wurde ihm deutlich, dass es Jahr für Jahr sehr viel mehr Anmeldungen als freie Plätze gibt. „Aber ich hatte ganz schnell Nachricht, dass ich aufgenommen wurde.“

Mit Interesse beobachtet er die Aussagen von Raumfahrer Alexander Gerst in der so genannten Enkelrede: „Das ist eine sehr berührende Rede, die einem direkt die Augen öffnet. Dadurch, dass er sich selbst und seiner Generation die Schuld gibt, nicht richtig mit der Erde umzugehen, weckt er das Verlangen danach, etwas an dem eigenen Lebensstil zu verändern.“ Außerdem findet Mathew es sehr gut, dass Gerst seine Gedanken und Gefühle nicht für sich behält, sondern sie mit der Welt teilt: „Jeder bekommt dadurch sein Empfinden mit, wie zerbrechlich und klein die Erde ist.“ Und auch das Auftreten der 16-jährigen schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg beeindruckt Mathew: „Mir persönlich hat die Rede von Greta auch etwas mehr die Augen geöffnet, so dass ich jetzt nicht mehr mit dem Auto gefahren werden will, sondern versuchen werde, öfter mit dem Fahrrad zu fahren.“

Jetzt ist Mathew in der neunten Klasse und freut sich auf das breite Bildungsangebot der Stiftung. Für drei Jahre ist er Stipendiat. Ein Treffen mit dem Bundespräsidenten gehört hoffentlich dazu.

LEBENSLAUF

2003

in El Menia (Ägypten) geboren

2009 bis 2014

Besuch einer christlichen Privat-schule in Minya bis zum Umzug
der Familie nach Hermannsburg

2013

zunächst Besuch der Klasse 4c
der Hermann-Billung-Grundschule, anschließend Wechsel auf das Christian-Gymnasium

Jetzt

Schüler der 9. Klasse und Stipendiat der Start-Stiftung

Von Lothar H. Bluhm

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