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Typen Träumerin im Rollstuhl
Mehr Typen Träumerin im Rollstuhl
13:56 13.06.2010
Kimberley George schlägt sich mit ihrer Querschnittslähmung durchs Leben - hier bei ihrem Lieblingshobby. Dem Malen mit dem Mund. Quelle: Torsten Volkmer
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Boye

Ein aufgewecktes, junges Mädchen mit Träumen und Ideen. Sie liebt Hähnchencurry, Pferde und das Malen. Lange braune Haare reichen ihr bis zum Rücken. Das ist Kimberley George. Doch wenn die Zwölfährige ihre Klasse am Ernestinum betritt, zieht das Mädchen die Blicke auf sich. In einem Ungetüm von Rollstuhl fährt sie auf ihren Platz direkt in der Nähe der Tafel.

Kimberley würde sich von ihren Klassenkameraden nicht unterscheiden, wäre da nicht der Rollstuhl. Sie ist gelähmt. Nur Kopf und Hals kann sie bewegen. Mit dem Kinn steuert sie ihr Gefährt, das ihr ihre Bewegungsfreiheit gibt. Aber unglücklich ist sie nicht. Im Gegenteil. „Ich treffe mich gern mit Freundinnen und male in meiner Freizeit“, erzählt die Gymnasiastin. „Wenn ich mein Abitur gemacht habe, möchte ich unbedingt Kunst studieren.“ Ja sie hat Pläne. Jede Menge davon.

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Ein Autounfall ändert

im Jahr 2000 alles

Besonders ihre Mutter ist stolz auf ihre starke Kleine: „Als wir vor acht Jahren den schlimmen Autounfall hatten, habe ich nicht geglaubt, dass Kimby bei uns bleiben würde“, sagt Rebecca Hackett, die Tränen zurückhaltend. Eine Autofahrerin war damals mit ihrem Wagen in den Gegenverkehr gerast und traf das Fahrzeug der Hacketts frontal. Bis heute hat sich die Fahrerin nicht nach Kimberleys Befinden erkundigt. „Selbst beim Gerichtsprozess war sie nicht anwesend. Das macht mich sehr traurig“, sagt Hackett.

Eine lange Zeit im Krankenhaus und Reha-Aufenthalte folgten dem schlimmsten Tag im Leben der Familie. Über ein Jahr ist Kimberley weg von zu Hause. „Wir denken nicht mehr an diesen Tag. Wir sind einfach froh, Kimby bei uns zu haben.“ Und das, obwohl sich das Leben der Familie von Grund auf verändert hat. Seitdem sie wieder zu Hause ist, muss sie rund um die Uhr betreut werden. Sie wird 24 Stunden über eine Maschine beatmet und ist in jeder Situation – Aufstehen, Anziehen, Essen – auf Hilfe angewiesen. „Privatsphäre haben wir eigentlich nicht mehr. Zurzeit kümmern sich nur noch vier verschiedene Pflegekräfte um meine Tochter. Das sind vier zu wenig, um alle Schichten abzudecken“, sagt Hackett. Ausreichend viele Betreuerinnen zu finden sei schwer. "Aber ohne sie ist die Versorgung von Kimby absolut gefährdet." Neue Kräfte zu finden sei also dringend notwendig. Interessentinnen mögen sich bitte unter s (0202) 450271 beim ISB melden. „Für uns und die Pflegerinnen bedeutet die Betreuung, zu jeder Tages- und Nachtzeit im Haus zu sein – Für die Frauen in einer fremden Familie, für uns mit fremden Personen. Aber das ist es uns wert.“

Mit dem Kopf

oft durch die Wand

Immer eine Betreuerin zur Seite zu haben, ist für Kimberley auch nicht leicht. „Ich kann schon einen ziemlichen Dickschädel haben. Wenn ich etwas nicht will, dann sage ich das auch. Frühes Aufstehen mag ich zum Beispiel gar nicht. Ich bin manchmal ein richtiger Morgenmuffel.“ Und so setzt sich die Zwölfjährige auch gerne mal durch, sei es beim Aufstehen, der Klamottenwahl oder der Freizeitgestaltung. Heute malt sie. Da ist sie sehr talentiert. Ein Förderverein aus Lichtenstein hat das bereits erkannt und wird sie künftig fördern. Ein großer Schritt in Richtung Kunststudium. Geschickt hält sie den Pinsel zwischen den Lippen. Strich für Strich entsteht zuerst ein Pferdekopf, dann der Körper des Tieres. „Pferde male ich am Liebsten“, sagt sie lächelnd. Mit ihrer Mutter hat sie auch schon einmal auf einem richtigen Pferd gesessen. Ein Foto in ihrem Zimmer ist Zeuge. „Das war einfach toll“, erzählt sie. „Nur leider geht das jetzt nicht mehr so einfach.“ Nicht nur, weil Kimberley beatmet wird und das ohne Maschine eine andere Person übernehmen muss, nein, das Problem ist ein Anderes: „Sie wird einfach zu groß“, erklärt Hackett. „Ich kann sie allein kaum halten und dann noch den Beatmungsbeutel zu drücken ist unmöglich. Sie ist jetzt eben ein junges Mädchen und kein kleines Kind mehr.“ Dennoch unternimmt die Familie viel. „Wir fahren demnächst in einen Freizeitpark“, freut sich Kimby schon jetzt. „Wildwasserbahn bin ich schon Mal gefahren. Das wird sicher toll.“

Der Rollstuhl gibt

ihr Bewegungsfreiheit

Damals nach dem Unfall, wie auch heute mit zwölf Jahren hat Kimberley eine Willenskraft und Stärke, die kaum ein Kind in ihrem Alter hat. Grinsend sitzt sie in ihrem Rollstuhl und zeigt ihr Zimmer. Ohne den sperrigen Untersatz ist sie bewegungsunfähig. An der Decke über ihrem Bett kleben zahlreiche Poster und Bilder, meist mit Pferden drauf. Rechts neben dem Bett an der Wand stehen Regale, voll mit Spielsachen, Büchern und Gebasteltem. Auf der anderen Seite ein Regal mit medizinischen Utensilien. „Hier habe ich alles, was ich brauche“, erklärt Kimberley. „Die Burg da oben im Schrank hab ich mit einer meiner Betreuerinnen gebastelt. Schön nicht?“ Sie weiß, was sie will und hat immer neue Ideen. So hat sie schon einen Detektivclub gegründet, schreibt Geschichten und singt im Schulchor. „Sopran“, sagt sie stolz. „Weihnachten sind wir mit dem Chor in der Stadtkirche aufgetreten. Das war toll.“ Singen – ungewöhnlich für ein Mädchen, das beatmet wird, aber nicht unmöglich. Der Schlauch läuft durch ein Loch zwischen ihren Schlüsselbeinen in den Hals. Die Stimmbänder sind also frei. „Mit meiner neuen Beatmungsmaschine kann ich sogar selbst Luft holen“, erklärt Kimberley. Was sich so leicht anhört, ist sehr kompliziert und technisch. „Einfach gesagt kann ich mit meiner Halsmuskulatur dem Gerät einen Impuls geben und dann holt es für mich einen extra Atemzug.“

In der Schule ist sie gut. „Mein letzter Durchschnitt lag bei zwei“, sagt Kimberley. Und das, obwohl sie auch im Klassenzimmer Hilfe benötigt. „Meine Betreuerin schreibt für mich mit. Mit dem Laptop bin ich nicht schnell genug“, erklärt sie. Diese Hilfe stößt bei einigen Mitschülern auf Unverständnis und Neid. „Klar hat Kimby für Klassenarbeiten mehr Zeit und immer ihre Betreuerin mit Handy dabei“, meint Hackett. „Das ist für sie aber lebensnotwendig und das sehen Kinder in dem Alter oft nicht.“ Extrawürste will Kimberley aber nicht. „Mir wird nur die Teilnahme am Unterricht ermöglicht. Ansonsten bin ich eine ganz normale Schülerin. Mir macht Schule einfach Spaß, und wenn manche nicht mit mir und meiner Behinderung umgehen können, dann ist das deren Problem. Da stehe ich meist drüber.“

„Ich liebe meine

Eltern und Geschwister“

In solchen schweren Situationen ist der Zwölfjährigen ihre Familie besonders wichtig. „Ich liebe meine Eltern und meine zwei Geschwister. Sie sind immer für mich da.“ Ihre Mutter hofft, dass auch später immer jemand da ist, der sich um Kimberley kümmert. „Sie ist gerade zum ersten Mal verliebt“, gesteht Hackett. Und Kimberley fügt hinzu: „In wen verrate ich aber nicht.“

VITA:

✎Kimberley George ist

geboren am 31. Oktober 1996.

✎14. April 2000 schwerer Autounfall, seitdem ab dem obersten Halswirbel gelähmt.

✎2003 bis 2007 Besuch der Grundschule in Klein Hehlen

✎2006 Geldsammlung für das Celler Tierheim und aktives Eintreten für die Umwelt über den WWF-Club

✎seit 2007 Besuch des Gymnasiums Ernestinum

✎im Dezember 2008 Auftritt mit dem Schulchor in der Stadtkirche

✎schon immer Hobby-Malerin und Geschichten-Schreiberin

Von Jasmin Nemitz