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Typen Vom Labor in den Himmel
Mehr Typen Vom Labor in den Himmel
14:42 13.06.2010
1. Cool wie 007: Pathologe Peer Flemming (vorne) genießt Höhenflüge mit Bond-Tragschrauber - 2. "Warum sollte man so schöne Gallensteine denn einfach wegwerfen?", Peer Flemming sammelt seit drei Jahren Gallensteine Quelle: Janine Jakubik
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Celle Stadt

Wer morgens in der Wittinger Straße unterwegs ist, könnte ihn an sich vorbeirauschen sehen: Auf seinem himmelblauen Fahrrad mit dem Schriftzug „pathologen.net“ macht sich Privatdozent Dr. Peer Flemming, Chef des Pathologischen Instituts Celle, auf den Weg zur Arbeit. Mit Lederjacke, Jeans und Sneakers ist der 48-Jährige aber nicht sofort als solcher zu erkennen. Erst wenn er in der schönen Jugenstilvilla aus dem Jahr 1908 seinen weißen Kittel überstreift, kann man sich vorstellen, dass man es mit einem habilitierten Pathologen zu tun hat. Dann geht es schnell nach oben ins Büro. Dort warten schon etliche Gewebeproben auf ihn, die unter dem Mikroskop untersucht werden müssen. Eine Arbeit, die höchste Konzentration und große Genauigkeit verlangt, denn hinter jeder Probe, die er auf seinem Schreibtisch hat, steht ein Patient, der auf einen Befund wartet.

Arbeit mit Gewebeproben

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erfordert Konzentration

„Vielleicht gerade weil ich täglich so viele Stunden meinen Blick auf kleinste Details unter dem Mikroskop richten muss, versuche ich in meiner Freizeit dazu einen Ausgleich zu finden“, versucht Flemming seine neue Leidenschaft zu erklären. Denn der Mediziner hat das Fliegen für sich entdeckt. Er ist gerade dabei, seinen Flugschein für sogenannte Gyrokopter in der Flugschule von Thomas Kiggen in Hildesheim zu machen: Zweisitzige Tragschrauber, die ihren Piloten durch erstaunliche Wendigkeit und sehr präzises Lenkverhalten ein großes Maß an Sicherheit gewähren. „Das Gefühl von Freiheit ist ähnlich wie beim Motorradfahren, nur dass Autogyro-Fliegen nicht so gefährlich ist. Im Gegensatz zum Flugzeug versperren keine Tragflächen den Blick auf die Landschaft. Bei Motorausfall ist durch den passiv von unten angeströmten Rotor eine Notlandung auf einer sehr kleinen Fläche möglich. Das funktioniert im Prinzip, wie bei einem Ahornsamen“, erklärt Flemming.

Erfunden wurde der Tragschrauber schon 1923 von dem Spanier Juan de la Cierva. Im Zweiten Weltkrieg führten einige deutsche U-Boote den unmotorisierten Schlepp-Tragschrauber Focke-Achgelis Fa 330 „Bachstelze“ mit. Er war mit einer Person bemannt, die als Ausguck diente, und wurde an einer Leine hinter dem aufgetaucht fahrenden U-Boot geschleppt. Ein letztes Exemplar ist noch im Luftfahrtmuseum Bückeburg zu sehen.

Aber auch als Kino-Star hat sich der Gyro schon eine beachtliche Karriere hinter sich: Flemmings Namensvetter Ian Fleming ließ in „Man stirbt nur zweimal“ Sean Connery als James Bond im Gyrokopter in einem eigentlich für die Royal Air Force gebautem Gyro fliegen. Wendig und elegant konnte 007 auf diese Weise Reihenweise Bösewichte ausschalten, bevor er seine Wunderwaffe wieder in „Qs“-Koffer verschwinden ließ.

Wie stellt sich Flemming das Fliegen nach Bestehen der Flugprüfung vor?

Flugschein für den

Gyrokopter

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, ich habe mich spontan für den Kurs angemeldet, nachdem ich von den Tragschraubern gelesen und gehört hatte. Wenn man denn spekulieren wollte: Auf dem Hubschrauberlandplatz am Krankenhaus Peine könnte man landen, um Schnellschnitte zu machen, man braucht ja eigentlich nur wenige Meter Fläche zum Landen“, scherzt der Pathologe, der regelmäßig zu sogenannten Schnellschnitten, also Untersuchungen von Gewebeproben während laufender Operationen, zum Krankenhaus nach Peine fährt.

„Für den Start ist aus Sicherheitsgründen allerdings ein längerer Anlauf nötig. Da der Gyro zu den Ultraleichtfluggeräten gezählt wird, kann man prinzipiell sogar ein geeignetes Außenstartgelände auf eigenem Grundstück genehmigen lassen. Genauso gut und wohl sicherer wegen der vorhandenen Infrastruktur kann man aber reguläre Flughäfen dazu nutzen beispielsweise. Celle-Arloh oder sogar Hannover-Langenhagen“, erläutert der Pathologe.

Dabei hat Flemming auch noch auf andere Weise von dem neuen Hobby profitiert: „Früher wäre ich niemals auf ein Hausdach geklettert, jetzt ist die Höhenangst weg! Es bestätigt sich, dass man Ängste bekämpfen kann, indem man sich Ihnen aussetzt„, so Flemming.

Noch vor dem Fall

der Mauer geflohen

Mut hat der 1960 in Zeitz in der ehemaligen DDR geborene Flemming auch schon früher bewiesen. So floh er mit seiner Familie noch vor dem Fall der Mauer in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die österreichisch-ungarische Grenze. “Damals hätte ich ein Fluggerät gut gebrauchen können, ein gewisser Freiheitsdrang war schon immer da".

Ein Muster, dem er auch in seinem Berufsleben treu geblieben ist. So hat er sich zusammen mit seinem Kollegen, Professor Dr. Axel Wellmann, vor drei Jahren mit dem Pathologischen Institut Celle selbstständig gemacht. Heute untersuchen die beiden mit ihrem 14-köpfigen Team mehr als 18000 Gewebeproben jährlich. „Der Weg in die Selbstständigkeit war eine gute Entscheidung. Natürlich ist damit auch eine große Verantwortung verbunden, insbesondere für unsere Mitarbeiter. Mein Kollege Axel Wellmann und ich haben den Schritt aber bis heute nicht einmal bereut“, so Flemming, der sich auf die Pathologie der Leber, insbesondere Tumore, spezialisiert und sogar ein Jahr als Gastprofessor am Pathologischen Institut der Kaiserlichen Universität in Kyoto gelehrt hat.

Wenn Flemming ein wenig Zeit übrig hat, dann widmet er sich einer besonderen Sammelleidenschaft, die nur ein Pathologe haben kann. „Pathologen sind visuell geprägt, besonders schöne histologische Präparate von Tumoren sammeln alle Pathologen sowieso, seit drei Jahren habe ich aber auch noch angefangen Gallensteine zu sammeln. Von einem Durchmesser von wenigen Millimetern bis zur Größe eines Hühnereis in verschiedenen Farben und Formen von rund bis pyramidenförmig ist alles vertreten“, berichtete Flemming. Dann stellt er das große Glas, in dem die Gallensteine in Formalin konserviert sind, zurück in seinen Schrank neben den schwarzen Flughelm. „Man ist dem Klischee vom schrulligen Pathologen doch etwas schuldig’’, so der sympathische Wissenschaftler.

Lebenslauf

✐1960 in Zeitz in der

ehemaligen DDR geboren.

✐1982–1988: Medizin-

studium Martin-

Luther-Universität Halle

✐1988: Approbation

✐1988–1997: Assistenzarzt in

Halle und Hannover

✐1989 Flucht über Ungarn

✐1996: Promotion

✐1997: Facharzt

für Pathologie

✐1997–1998: Gastprofessur

am Pathologischen Institut

der Kaiserlichen

Universität Kyoto

✐1998–2005: Oberarzt

am Institut für Pathologie

der MHH

✐2005–2007: Leiter des

Pathologischen Instituts

am AKH

✐seit 2007: Gemeinsame

Leitung des Patho-

logischen Instituts Celle

mit Professor

Dr. Axel Wellmann

✐2009: Habilitation an der

Medizinischen Hochschule

Hannover. Thema:

„Molekulare

Untersuchungen

an Lebertumoren“

Von Janine Jakubik