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Typen Von Musik lebenslang begleitet
Mehr Typen Von Musik lebenslang begleitet
14:28 13.06.2010
Dorothee Heinichen vor dem Porträt ihrer Großmutter. Für die Duette mit ihrer Freundin wählt sie gern Mozart aus. Quelle: Margitta True
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Celle Stadt

Dass sie stets auf sich selbst vertrauend durchs Leben gehen konnte, sagt Dorothee Virginia Heinichen heute, verdanke sie ihren Eltern und einer glücklichen Kindheit in Celle, „mit Garten, Teich, Klettern, Buden bauen und allem was dazu gehört.“ Diese Schutzzone, erinnert sie sich, wurde bald vom aktuellen Tagesgeschehen der 30er Jahre durchbrochen. Als Siebenjährige hörte sie ihren Vater, den damaligen Landrat Wilhelm Heinichen, seinen Gästen nach den Reichtagswahlen 1932 erklären: „Hitler, das bedeutet Krieg.“ Ängste kamen auf, die leisen nächtlichen Gespräche zwischen Vater und Mutter, „die Hitler verabscheuten“ und schließlich – „ein Anlass zu Albträumen“ – die Vorführung von Propaganda Filmen wie „Hitlerjunge Quex“ in der Schule: „Je älter wir wurden, desto mehr bekamen wir mit.“

Verhasster

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Jungmädeldienst

Ab 1935 musste Dorothee Heinichen den verhassten Jungmädeldienst über sich ergehen lassen. Im gleichen Jahr holte der damalige Kantor der Stadtkirche, Fritz Schmidt, sie in den Kantoreichor. Einige Jahre später übernahm Schmidt die Leitung der Hitlerjugend (HJ)-Spielschar.

1942, im Rahmen einer von den Nationalsozialisten organisierten Feier zum 100-jährigen Bestehen des Deutschlandliedes, intonierte ein Instrumentenensemble der HJ-Spielschar jenen Vers des Chorals „Ein feste Burg ist unser Gott“, der mit den Worten endet: „das Reich muss uns doch bleiben!“ Die bloße Intonation der Melodie führte dazu, dass sich die SS-Chargen in der ersten Reihe erhoben und die Feier abrupt beendeten. Schmidt wurde sofort der HJ-Arbeit enthoben. Dorothee war zu dieser Zeit in der elften Klasse, die Schüler wurden vor die Wahl gestellt, entweder die Kantorei zu verlassen oder ihr Abitur nicht ablegen zu dürfen. Nach Protesten, denen sich auch Lehrerkollegen Schmidts mit einem Brief an Hitler anschlossen, wurde die Angelegenheit niedergelegt. Doch der Eklat zeigte der Schülerin, wie tief die Nazis in Lebensläufe eingreifen konnten. Ein Jahr später bestand Heinichen ihr Abitur.

Studienabbruch durch

Kriegsdienstverpflichtung

In den Kriegswirren durchlief die junge Cellerin wie ihre Altersgenossinnen Arbeitsdienste, das gerade erst aufgenommene Studium der Naturwissenschaften in Göttingen wurde 1944 durch eine Kriegsdienstverpflichtung abgebrochen. Anstatt im Hörsaal zu sitzen, pflegte Dorothee Heinichen im Celler Kinderhospital als Schwesternhelferin Bombenverletzte. Während ihres Dienstes hatte sie „das erschütterndste Erlebnis dessen ich mich erinnern kann“.

Das Deutsche Rote Kreuz brachte drei etwa 17-jährige Jüdinnen, die auf ihrem Transport nach Bergen Belsen einen Fluchtversuch unternommen hatten, als Tiefflieger den Zug unter Beschuss nahmen. Die SS schoss auf die Fliehenden. Am Sterbebett eines der Mädchen hörte Heinichen erstmals durch eine Augenzeugin von den Gräueln in den Konzentrationslagern. Die Patientin bat um die Erfüllung des unrealistischen Wunsches, den Eltern in die Tschechoslowakei zu telegraphieren, dass ihre Tochter in Sicherheit sei, damit sie sie abholten. „Doch am nächsten Morgen war sie tot.“ Das Personal versteckte die einzige Überlebende der drei in einer Besenkammer, wann immer ein „Naziarzt“ erschien. Obgleich sich in einem Hospital die Anzahl der Mitwissenden kaum eingrenzen ließ, machte niemand Meldung: „Das erscheint mir heute wie ein Wunder.“

Nach 1945 konnte sich Dorothee Heinichen endlich ihrem beruflichen Werdegang widmen. Ausgebildet an der Pädagogischen Hochschule in Celle, nahm sie ihre Tätigkeit als Volksschullehrerin auf, „in mehreren sozialen Brennpunkten der Nachkriegszeit“. In der Bockelskamper Dorfschule galt es, einer durch den Flüchtlingsstrom verdreifachten Schüleranzahl gerecht zu werden. Anschließend unterrichtete Heinichen im Wichernstift bei Adelheide kriegstraumatisierte Waisen im Alter von sechs bis 15 Jahren. Die Kinder suchten in den Pädagogen Elternersatz, Altersgenossen gegenüber setzten sich die Schüler rücksichtslos durch: „Hier konnte man von Verrohung sprechen. Wir sind sehr angespannt in die Klassen gegangen.“

Interesse für

Kinderpsychologie geweckt

Der Umgang mit Kindern deren Urvertrauen zu den Erwachsenen zutiefst gestört war, weckte das lebenslange Interesse der Pädagogin für Kinderpsychologie. Der Wichernstift hatte als Herausforderung nach den Kriegsjahren an ihren Kräften gezehrt, so pausierte sie um ein Jahr als Au Pair Mädchen in England zu verbringen, „das war Grundstock für mein späteres Studium“.

In den fünf Jahren, die an der Christianschule in Hermannsburg folgten, legte Dorothee Heinichen nach einer „weitgehend autodidaktisch verlaufenden Ausbildung“ ihre Prüfung zum Unterricht an der Mittelschule ab. Anschließend ging sie nach Hamburg, um am Aufbau der im Krieg zerstörten renommierten Wichern-Schule des „Rauhen Hauses“ mitzuwirken.

Ihre Pläne, in Hamburg noch einmal zu studieren, konnte die Pädagogin erst ab 1967 verwirklichen, die 68er Studentenrevolution lag bereits in der Luft. Ein Erlebnis an das Heinichen besonders gern zurück denkt, ist die Philosophie Prüfung bei Carl Friedrich von Weizsäcker, „ein fabelhafter Dozent dessen Vorlesungen in einer Atmosphäre geistiger Klarheit und Bescheidenheit stattfanden.“ In ihrer Zeit als Dozentin am Celler Studienseminar Jahre später, sollte sie die Auswirkungen der „68er“ spüren – einen spürbaren „Mangel an sozialen Kompetenzen“. Das Laissez-Faire bei Kindern war verworfen worden, Heinichen diskutierte mit ihren Studenten neue Ansätze.

Heute sagt sie rückblickend über ihre Berufsjahre: „Ich durchlief alle Chargen“. Immer noch steht sie mit Kollegen in Kontakt, und verfolgt die Debatten über Schulreformen: „Die Kinder haben es heute schwerer, und deshalb auch die Lehrer.“

Was Dorothee Heinichen lebenslang begleitete, war die Musik. Sie spielt Klavier, Cembalo und Querflöte in mehreren Instrumentalkreisen. Einmal im Monat trifft sie sich mit ihrem Hausmusikkreis; von den 13 Mitgliedern, die diese Runde in den 50er Jahren gegründet hatten, sind noch fünf am Leben.

Obgleich Dorothee Heinichen mütterlicherseits aus der bekannten Malerfamilie Koken stammt, hat sie nie mit Passion zum Pinsel gegriffen. „Die Werke meines Urgroßvaters Edmund Koken werden in jedem Juni im Historischen Museum in Hannover ausgestellt. Mir hat die Malerei nie gelegen“, schmunzelt sie mit einem Blick auf die Bilder an der Wand, „ich setze mich lieber täglich ans Klavier.“

Lebenslauf

✐1925 Geboren in Celle

als Tochter von Irma Koken

und dem damaligen Celler

Landrat Wilhelm Heinichen

✐1943 Abitur am KAV

✐Mai 1944 bis Juli 1944

Studium der Naturwissen-

schaften

✐Juli 1944 bis Anfang 1946

Kriegsdienst als

Schwesternhelferin

✐1946–1948 Pädagogische

Hochschule Celle, Ausbil-

dung zur Volksschullehrerin

✐1948–1950 Dorfschule

in Bockelskamp

✐1950–1951 Wichernstift in

Adelheide bei Delmenhorst

✐1951–1952 „Au Pair“

in England

✐1952–1957 Christian-

Schule Hermannsburg

✐1957–1963 Wichern-Schule

am Rauhen Haus Hamburg

✐1964–Januar 1967

Studium in Hamburg

✐Anfang 1967 Staatsexamen

in Hamburg

✐1967–1968 Referendar-

ausbildung am Celler

Studiensaminar

✐1968–1979 Lehramt am

HBG in Celle

✐1979–1989 Stellvertretende

Leitung des Staatlichen

Studienseminars in Celle

✐1989 Pensionierung

Dorothee Heinichen wählt für die Duette mit ihrer Freundin gern Mozart aus. Foto: True

Von Margitta True