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Lokalsport Das Kind im Manne wird zum Kerl: Eiskaltes Training für den Ernstfall
Sport Sport regional Lokalsport Das Kind im Manne wird zum Kerl: Eiskaltes Training für den Ernstfall
13:47 13.06.2010
Harte Kerle in Schnee und Wasser: Stephan März, Udo Bussmann und Thomas Heß (von links). Quelle: Peter Müller
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Groß Hehlen

GROSS HEHLEN. Der Schnee knarscht unter den Schuhsohlen und die regelmäßigen Windstöße verursachen ein leichtes Brennen im Gesicht. Hände und Füße haben ihre Sensibilität angesichts der eisigen Temperaturen binnen Minuten eingebüßt. Nein, gute Gründe, sich bei dieser Witterung in der Groß Hehlener Lehmkuhle aufzuhalten, wollen einem spontan nicht einfallen, es sei denn, man will ein „harter Kerl“ werden.

Eben mit diesem Ziel sind Stephan März, Thomas Heß und Udo Bussmann zum Training im menschenleeren Wald angetreten: Ende Januar wollen der 45-jährige März, sein 33-jähriger Nachbar Heß und der 40 Jahre alte Bussmann beim Tough Guy-Race – dem „Harte-Kerle-Rennen“ – nahe Birmingham teilnehmen.

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Bizzare Veranstaltung

mit „Todesfeldern“

Die bizzare Veranstaltung führt über eine Strecke von zwölf Kilometern, während der die Teilnehmer zahlreiche Hindernisse meistern müssen, unter anderem die der „Killing Fields“, der „Todesfelder“: Hier warten ein ein Meter breiter Tunnel oder ein mit Stacheldraht überspanntes Matschfeld auf die Sportler. Eiskalte Tümpel müssen durchschwommen werden, ebenso gilt es, auf eine Höhe von zehn Metern zu klettern und sich aus drei Meter Höhe abzuseilen. Schließlich müssen die Teilnehmer durch brennende Heuballen rennen und unter einem Elektrozaun durchrobben. Den Pacours entwarf 1986 – welche Überraschung – ein ehemaliger Ausbilder englischer Eliteeinheiten.

In Turnschuhen, langärmeligen Shirts und knielangen Laufhosen rennen und rutschen die drei Sportler durch das verschneite Unterholz: „So weit die Füße tragen“ reloaded. Nur sind es keine Rotarmisten wie in dem Roman Josef Martin Bauers, die den Drei Beine machen, sondern der Wille, beim angeblich härtesten Rennen der Welt ins Ziel zu kommen.

„Die Idee zur Teilnahme am Tough Guy ist mit dem Alter gereift“, sagt Extremsportler März verschmitzt, der als Vertriebsleiter bei einem Celler Finanzdienstleister arbeitet. „Wir wollen an die eigenen Grenzen gelangen“, fügt Lehrer Bussmann an, der mit den beiden Läufern schon am „Strongman“-Wettbewerb in Weeze, einem nicht weniger verrückten Lauf über einen 18 Kilometer langen Schlamm-Pacours – teilnahm.

Damals wie heute schütteln Freunde und Verwandte den Kopf, wenn sie von dem Vorhaben der drei Männer hören. „Was habe ich nur falsch gemacht“, soll Vater Heß seinem Sohn zugerufen haben, als dieser mit kurzen Hosen durch den Schnee lief. Die Meinung anderer interessiert März und Kollegen nicht. 130 Euro Startgeld sowie die Aussicht, „das Kind im Manne“ guten Gewissens ausleben zu können, hätten den Extremsportler März zusätzlich motiviert, einen Flug nach England zu buchen.

Für März, den junggebliebenen Mitvierziger, kann es unter sportlichen Aspekten kaum unangepasst genug sein: Ironman, Triathlon, Treppenlauf, Strongman – März ist der Joe Kelly Klein Hehlens und sucht die körperliche Quälerei. „Das hat etwas mit nicht älter werden wollen zu tun“, sagt März frei heraus, während er keuchend die rutschige Steigung der Lehmkuhle erklimmt.

Barfuß im Schnee und

kalte Dusche

Vier- bis fünfmal laufen März, Heß und Bussmann pro Woche, um optimal auf die Herausforderung Tough Guy vorbereitet zu sein. Sie wälzen sich im Schnee, laufen barfuß durch die Kälte und duschen regelmäßig kalt. Zu verlieren haben sie auf dem Tough Guy-Abenteuerspielplatz aus Schlamm, Kälte und Elektrostößen ohnehin nichts: Jeder Teilnehmer muss imVorfeld des Spektakels sein „Death Warrant“ – sein eigenes Todesurteil unterschreiben, das den Veranstalter von jeder Haftung befreit.

Aber auch ohne die paramilitärischen Bedingungen auf der Insel tut das eiskalte Trio bereits in der Heimat das, was Beobachtern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und auch aus den bislang fröhlich-roten Gesichtern von Heß, März und Bussmann ist die Lässigkeit im Angesicht der Örtze verschwunden: 1,9 Grad Celsius Wassertemperatur zeigt das Termometer vor der finalen Trainingseinheit, dem Wassergang.

„Als ob Hunderte von Nadeln in die Haut stechen“ beschreibt Bussmann das bevorstehende Gefühl. Mit Anlauf und unter lautem Kampfgeschrei stürzen sich die Drei in die Örtze, wälzen sich am anderen Ufer im Schnee und durchqueren den Fluss ein zweites Mal. „Beim Tough Guy würden wir ja gleich weiter laufen, das müsste also auszuhalten sein“, sagt März kurzatmig. Und für den Fall, dass die Kälte den Extremsportlern Ende Januar doch einen Strich durch die Rechnung machen sollte, hat wenigstens März vorgesorgt: 2011 will er an einem Wüstenlauf teilnehmen.

Tough Guy im Fernsehen: Der TV-Sender SAT 1 sendet heute, 17.30 Uhr, einen Beitrag über die Celler Extremsportler.

Von Eike Frenzel