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Alte Fotos erzählen 90: Aufgegebene Jugendherbergen in Celle und Velligsen
Thema Alte Fotos erzählen 90: Aufgegebene Jugendherbergen in Celle und Velligsen
16:25 17.10.2014
Jugendherberge im Celler Schloss 1928 bis 1945 Quelle: Sammlung Christa Zierenberg
Celle Stadt

Der Schleier, der sich über längst aufgegebene Jugendherbergen gesenkt hatte, ist zumindest für Celle und Müden etwas gelüftet. Otto Taxweiler (Jahrgang 1919) hat die Jugendherberge im Celler Schloss noch gut in Erinnerung. „Der Leiter war Christian Ebel, das war mein bester Freund damals“, sagt Taxweiler. Der ältere Ebel war zudem Leiter der Celler Abteilung der „Bündischen Jugend“, einer Organisation, die auf dem Bauernhof Knoop in Hustedt ein Backhaus zum Landheim ausgebaut hatte. Da habe man jedes Wochenende „Feten gefeiert“. Man sei damals ein „fröhlicher Verein“ gewesen, so um die 20 Mann. Auch in der Jugendherberge war Taxweiler Anfang der 1930er jede Woche zu Gast. Man sang, spielte Theater und war vergnügt. „Es gab ja kein Funk und Fernsehen“, sagt der 95-Jährige dazu.

Er erinnert sich, dass die Jugendherberge auch in einem der Rundtürme untergebracht war. Er habe dort auf Strohsäcken geschlafen. In einem alten Prospekt ist indes von Betten die Rede und die Fotos aus der Sammlung von Arnold Linke (Jahrgang 1930) und von Schlossführerin Christa Zierenberg zeigen allesamt Betten, von denen die meisten Doppelstockbetten waren. Nach Zierenbergs Kenntnisstand bestand die Jugendherberge von 1928 bis 1945 im Schloss. Offenbar wechselte Christian Ebel spätestens 1941 an die Jugendherberge Velligsen bei Müden, weiß Taxweiler.

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Die Jugendherberge im Celler Schloss wurde kurz nach Kriegsbeginn um 1940 herum „zweckentfremdet“, weiß Arnold Linke. „Als Schüler einer Lehrerbildungsanstalt in Rogasen nördlich von Posen, wurden ich und unsere Schule vor der ,Überrollung‘ durch die anrückende russische Front in einem letzten Bahnzug nach Westen transportiert. Wir hörten dabei in der Ferne schon Geschützdonner. Unsere Schule fand Aufnahme in der Celler Lehrerbildungsanstalt, die ab 1941 in der Altstädter Schule (Glaskastenschule) ihre Klassenräume hatte. Als Schlafunterkunft für die Schüler diente ab 1941 die Jugendherberge im Celler Schloss“, schreibt Linke.

Da das erste beziehungsweise das älteste Semester der Lehrerbildungsanstalt (die Jahrgänge 1928 und älter) bereits als Soldaten einberufen waren, wurden Schlafplätze für die „Rogasener“ im Schloss frei. „Tragisch: Manche der einberufenen älteren Schüler der Celler Lehrerbildungsanstalt fanden an der Front den Soldatentod. Wir mussten dann deren in den Schloss-Schlafräumen noch vorhandenen Sachen zusammensuchen, um sie an die Eltern der Toten weiterschicken zu können“, schildert Linke seine Erlebnisse als Jugendlicher. Nach dem Krieg befand sich eine Jugendherberge einige Zeit hinter den Sportplätzen im Neustädter Holz, welche zeitweise auch Unterkunft für hier in Celle trainierende Berufsboxer war.

Von der Jugendherberge im Celler Schloss weiß auch Wilhelm Ohlms (Jahrgang 1921). Ein 1927 geborener Kriegskamerad habe ihm mehrfach davon berichtet, dass er in einem Internat im Celler Schloss untergebracht gewesen sei. Dabei muss es sich um die Lehrerbildungsanstalt handeln, vermutet auch Historiker Tim Wegener, der die Celler NS-Zeit aufgearbeitet hat.

Jugendherberge in der Heide: Velligsen bei Müden an der Örtze kennen heute nur noch wenige. Der wegen des Truppenübungsplatzes Munster-Süd aufgegebene Ort bestand nur aus zwei Hofstellen, von denen eine offenbar in den 1930er Jahren auch Jugendherberge war. Hans-Heinrich Euhus weiß, dass es dort bis vor wenigen Jahren noch ein Gebäude der Truppenübungsplatzkommandantur gab.

Der Müdener Siegfried Elbers besitzt drei Postkarten, die die ehemalige Jugendherberge Velligsen zeigen. Auf einer, die die „Mädchenbleibe“ des Hauses zeigt, berichtet jemand vom „Velligser Lager“ vom 17. bis 29. Juni 1934. „Mein Bett neben dem Fenster oben links“, hat das Mädchen dazu geschrieben. Auch eine Karte aus dem Jahr 1912 berichtet von einem „Lager bei Velligsen“. Elbers besitzt auch dieselbe Postkarte wie Euhus, die vier Fotos der Jugendherberge zeigt: Offenbar waren die Mädchen an einer der Stirnseiten des Wohnhauses untergebracht, wohingegen die Jungen in einem umgebauten Stallgebäude schliefen. Direkt am Flüsslein Wietze gab es ein kleines Badehaus.

Elbers weiß, dass Velligsen an einer Furt der Wietze lag. Nach seiner Kenntnis führte sogar ein Karrenweg, also eine Hauptverkehrsstrecke für Pferdefuhrwerke wie die berühmte Salzstraße, durch Velligsen. „Durch die Furt wurde Velligsen hier errichtet“, meint Elbers.

Die Chronik der Gemeinde Faßberg von Christoph M. Glombeck verrät, dass „vellichsen“ erstmals im „Verzeichnis der Einnahmen auf dem Schloß in Celle“ unter dem 9. März 1379 aufgeführt wurde. Obwohl einige Männer namens Ebel und Elbers als Besitzer eines der beiden Höfe verbürgt sind, stammen weder die Familien des heutigen Müdener Schmiedemeisters Siegfried Elbers noch Christian Ebel, der die Velligser Jugendherberge leitete, von hier. Christian Ebel kam offenbar aus Celle. „Er war Waisenknabe und lebte bei Pflegeeltern“, weiß Otto Taxweiler. Er hält es für ausgeschlossen, dass sein einstiger Freund Velligser war.

Die Jugendherberge Velligsen entstand 1932 durch Umbau des Schroershofes (Hof Nr. 1) in Velligsen. Velligsen bestand seinerzeit aus dem Schroershof und dem Schlumbohmshof (Hof Nr. 2). 1937 wurden die Höfe enteignet, weil die Wehrmacht den Truppenübungsplatz Munster erweitern wollte. Die Jugendherberge wurde von der Platz-Kommandantur umgebaut und als Unterkunft für Soldaten genutzt. Britische Truppen schossen 1945 die ehemalige Jugendherberge in Brand, sie brannte vollständig ab.

Mitte der 1950er Jahre wurden alle Gebäude abgerissen. Heute erinnert nichts mehr an eine Bebauung und speziell die Jugendherberge. Lediglich der Bestand an Eichen, teilweise in Reihe stehend, sowie eine Fläche von niederem Bewuchs scheinen auf frühere Bebauung hinzudeuten. Andere Überreste fand Hans-Heinrich Euhus, ein Hobby-Historiker aus Müden, bei einer Begehung trotz intensiver Suche nicht mehr.

Am 1. August 1930 wurde mit dem Bau einer neuen Jugendherberge im Bereich des „Sauerbruchs“ begonnen. Der Celler Architekt Otto Haesler setzte mit dem „Lönshaus“ eine seiner typischen Flachdachbauten in den Heidesand. Die Müdener akzeptierten diese neumodische Erscheinung nicht. 1958 setzte man eine Spitzdachkonstruktion auf das Haus. Das Haesler-Erbe war den traditionellen Müdenern so wenig wert, dass das Haus abgerissen wurde. 1991 wurde eine neue Jugendherberge gebaut, die heute neben der in Klein Hehlen (hier wurde die Dorfschule überbaut) die einzige im Landkreis Celle ist.

Auch in Winsen, Bergen und Hermannsburg soll es laut einem alten Celler Jugendherbergs-Prospekt derartige Einrichtungen gegeben haben. Nachfragen bei Alteingesessenen ergaben aber bislang nur einen Hinweis auf solche Jugendherbergen, die sicher mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren ihre Pforten geschlossen haben. In Bergen soll es eine Jugendherberge im heutigen Altenpflegeheim an der Bahnhofstraße 44 gegeben haben; der Berger Zeitzeuge Karl Kohrs erinnert sich an das dreieckige Emblem am Haus.

Von Andreas Babel und Udo Genth