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Schwerpunktthema "Wir wollen ein Theater für alle machen"
Thema Schwerpunktthema "Wir wollen ein Theater für alle machen"
10:05 27.08.2019
Von Jürgen Poestges
Schlosstheaterintendant Andreas Döring sprach mit der CZ über die neue Saison, sein Ensemble und das Theater allgemein. Quelle: Oliver Knoblich
Celle

Intendant Andreas Döring sitzt entspannt in seinem Büro im Turm des Schlosses, schreibt E-Mails. Und er gerät beim Gespräch mit CZ-Redakteur Jürgen Poestges ins Schwärmen, wenn er über die neue Spielzeit, sein Ensemble und das Theater allgemein erzählt.

Andreas Döring, ist es bei einem Theater-Intendanten ähnlich wie bei einem Fußball-Trainer? Ist er froh, wenn die neue Spielzeit wieder anfängt?

Also, ich weiß ja nicht, wie ein Fußballtrainer sich fühlt. Ich bin froh über die Sommerpause, denn die brauchen wir immer dringend und ich freue mich, dass es wieder losgeht.

Nach welchen Kriterien stellen Sie den Spielplan zusammen?

Die mutmaßenden Absichten, dass sich in den Stücken eines Spielplans relevante Themen finden lassen, ist ja das Hauptmotiv bei der Auswahl von Stoffen und Stücken. Es ist insofern eine „Mut-maßende“ Entscheidung für uns, ein Stück auszusuchen, weil wir ja nicht wissen, ob dieses Thema auch für das Publikum interessant ist. Von daher ist die Auseinandersetzung über Themen und deren Relevanz die Kernaufgabe, die auch die meiste Zeit braucht. Dann kommt die Frage: Was können wir eigentlich wirklich gut? Denn es ist wichtig, zu überprüfen, wer sind wir, wo stehen wir? Das bezieht sich auf unser Ensemble, unsere Regisseure. Das Theater ist ja durch seine vielen Künstlerpersönlichkeiten immer in einem laufenden Prozess. Von daher ist eine Spielplangestaltung sowohl eine Antwort auf die Auseinandersetzungen einer laufende Spielzeit, als auch ein zeitverzögerter Dialog mit dem Publikum. Denn natürlich reagieren wir darauf, was uns bewegt, und was das Publikum bewegt, auch was dem Publikum gefallen hat - und was uns gefallen hat. Weil man sollte nur das tun und planen, woran man auch glaubt. Aus dieser Auseinandersetzung schöpft man die Ermutigung für das ein oder andere besondere Stück oder Projekt. Es gibt aber natürlich auch die Möglichkeit, zu sagen, ein bestimmtes Thema ist uns so wichtig, da reagieren wir nicht auf das Publikum. Bei allen Überlegungen spielt dabei die Vielfalt eine Rolle. Denn wir wollen Theater für alle machen.

Wieviel Ihrer persönlichen Interessen fließen in die Spielplangestaltung ein?

In erster Linie entsteht ein Spielplan ja im Dialog untereinander – unter Einbezug eben jener Erfahrungen der laufenden Saison, der Rückmeldungen des Publikums, mit den zeitgenössischen Themen. Dabei geht auch immer darum, sich selbst zu verführen, die Lust auf Themen zu überprüfen, eine Spannkraft zu den Absichten herzustellen. Für die Ölkrise in Wietze oder für Ernst den Bekenner zum Beispiel habe ich mich vor 15 Jahren nicht besonders interessiert. Ich will damit sagen, dass die Arbeit an einem Spielplan bedeutet automatisch, sich die Themen der Region zu den eigenen Themen zu machen. Die Beschäftigung mit dem Theater strahlt also eher auf die persönlichen Interessen ab als umgekehrt.

Wie wichtig ist Ihnen die Mischung aus Klassikern und Experimenten?

Sehr wichtig. Wobei ich den Begriff des Experiments für ungünstig halte, einfach weil die Unsicherheit darüber, was als Ergebnis herauskommt wohnt dem Theater immer inne. Es ist eher die Frage, wie groß ist die Risikobereitschaft? Und ist es überhaupt ein Risiko?

Nachdem in diesem Jahr vor den Sommerferien das Stück "Diener zweier Herren" im Schlossinnenhof gezeigt wurde, folgt zum Ende der neuen Spielzeit "Shakespeare in love" als Open-Air-Sommertheater. Quelle: Dagny Siebke (Archiv)

Sie sind Intendant und Regisseur. Können Sie im Urlaub eigentlich ein Buch lesen, ohne gleich im Kopf ein Theaterstück daraus zu machen?

Das ist eine lustige Frage, weil ich mich im Sommer dabei erwischt habe, dass ich beim Lesen immer einen Bleistift in der Hand habe. Aber natürlich kann ich das auch abschalten.

Welche Aufgabe hat Theater?

Ein Theater muss sich einmischen. Die Frage, wie wollen Menschen in Gemeinschaft zusammenleben, ist eine Frage, die das Theater umtreibt und umtreiben muss. Dazu muss es einen Blick in die Lebenswelt haben. Das ist das Politische am Theater. Außerdem hat das Theater die Aufgabe, Menschen zusammenzubringen und sie durch Erkenntnisse zu unterhalten. Theater ist dann erfolgreich, wenn Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftskreisen sich gemeinsam treffen, um sich mit anderen Menschen anzuschauen, was Schauspieler-Menschen auf der Bühne vorspielen und was denen das bedeutet. Das löst dann etwas aus: Es soll ja auch den Zuschauenden etwas bedeuten. Deshalb ist es auch so wichtig, gute Schauspielerinnen und Schauspieler im Ensemble zu haben, die den Zuschauer mitnehmen können, ihn überraschen. In solchen Begegnungsmomenten kann Theater sehr viele Wertigkeiten vermitteln und Impulse setzen. Und zwar nicht belehrend, sondern als Erfahrung, die im Übrigen auch nur die Eintrittskarte kostet. Das Theater hat für den Zusammenhalt der Gesellschaft eine Vorbildfunktion.

Sie sind seit langer Zeit in der Theaterbranche tätigt. Hat sich der Theaterbesucher verändert?

Eines hat sich im Theater ganz stark verändert: Aus der Perspektive der Nachfrage schwindet das Grundinteresse am Klassiker und an der Auseinandersetzung mit der Tradition. Das erfahre ich auch von anderen Kollegen. Das Abonnenten-Verhalten verändert sich, das ist aber auch ein bundesweiter Trend.

Das Schlosstheater Celle ist ein im Zuge der Erneuerung und Barockisierung des Celler Schlosses entstandenes Hoftheater. Es wurde in den Jahren 1670 bis 1674/75 auf Initiative des Opernliebhabers Georg Wilhelm, Fürst von Lüneburg aus dem Haus Braunschweig und Lüneburg, gegründet. Quelle: Jochen Quast (Archiv)

Wird im großen Freizeitangebot mit vielen Fernsehkanälen und immer größeren Kinosälen das Theater noch gebraucht?

Um diese Frage beantworten zu können, müsste man Erhebungen durchführen. Ich kann dazu nur sagen, dass das Theater im Lauf der Zeit auf solche Wellen immer erfolgreich reagiert hat. Festhalten muss man aber auch: Die Vielfalt der Produktionen im Theater hat erheblich zugenommen. Das geht so weit, dass man die Spielstätte verlässt und nach draußen geht, wie wir es ja auch machen.

Gibt es im aktuellen Spielplan ein Stück, auf dass Sie sich besonders freuen?

Ich bin sehr gespannt auf die Produktion von „Sonnenaufgang“. Sebastian Sommer ist ein Regisseur, bei dem ich schätze, dass er arbeitet wie ein Bildhauer. Ich bin gespannt, wie sich das verträgt mit dieser Individualisten-Geschichte in dem Stück. Vom Unterhaltungsaspekt her freue ich mich auf „Das Appartement“. Das wird mit viel Musik und Bewegung über die Bühne gehen.
Ich mache gerade „Wie es Euch gefällt“. Das ist eine Einladung, sehr viel auszuprobieren, das macht mir gerade sehr viel Spaß.

Was zeichnet das aktuelle Ensemble am Schlosstheater aus?

Es sind Schauspieler mit Selbstbewusstsein. In dem Sinne, dass sie wissen, wer sie sind, was sie können und was sie nicht so gut können.

Was schätzen Sie am Celler Theaterpublikum?

Es ist kommunikativ, es gibt auch gern Feedback. Ich empfinde es als Wertschätzung, dass Rückmeldungen gegeben werden. Auch, wenn sie mal negativ sind. Es ist mir lieber, jemand sagt, das hat mir nicht so gut gefallen, als jemand schweigt und nicht wiederkommt. Interessant finde ich auch, dass aus dem Publikum immer wieder die Forderung kommt, es sollte nicht zu klamaukig sein. Das Wort Klamauk habe ich in Celle eigentlich zum ersten Mal gehört. Gleichzeitig erlebe ich das Celler Publikum aber als äußerst amüsierfreudig. Diesen Widerspruch finde ich interessant.

Sie stehen auf den Brettern, die die Welt bedeuten: die Schauspieler des Celler Schlosstheaters. Wer dahinter steckt, verrät die Ensemblevorstellung.

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