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Schwerpunktthema Im Rollstuhl ab in die Heide
Thema Schwerpunktthema Im Rollstuhl ab in die Heide
12:40 04.09.2019
Von Benjamin Behrens
Hartmus Klages (links) und Gerd Renneberg vom MTV Müden fahren Christian Röhrs in der Joelette durch die Heidelandschaft unweit des Löns-Denkmals. Quelle: Benjamin Behrens
Faßberg

Vom Parkplatz starten etliche Ausflügler in Richtung des Hermann-Löns-Denkmal in die Heide. Christian Röhrs lässt sich trotz Querschnittslähmung von kaum etwas aufhalten. Doch gegen den ach so malerischen Weg zwischen den lila blühenden Pflanzen wäre er machtlos. Weicher Sand, Wurzeln, die Unebenheiten – hier ist ohne fremde Hilfe Ende Gelände. Deshalb sitzt der 48-Jährige jetzt in einer sogenannten „Joelette“. Der geländegängige Rollstuhl ermöglicht es sonst Menschen mit Behinderung, die Heide zu erkunden, und kann bei der Tourist-Information Müden entliehen werden. Röhrs genießt die ungewohnte Landschafts-Fahrt. „Echt ein schöner Ausblick, ich war noch nie hier“, sagt der Rollstuhlfahrer und blickt über die blühende Natur. Am 8. September wird Röhrs dank der Spezialkonstruktion an der Sportaktion „Tour fürs Leben“ des Onkologischen Forums Celle teilnehmen – wenn sich denn zwei Helfer finden, die den Gelände-Rollstuhl ziehen.

Die Gurte sind an der Vorderachse eingehakt. Christian Röhrs sitzt komfortabel in der Joelette. Gurte sichern den Querschnittsgelähmten. Quelle: Benjamin Behrens

Ein Vorabtest im Gelände sollte zeigen, wie Röhrs mit dem Gefährt zurechtkommt. Gerd Renneberg und Hartmut Klages vom MTV Müden bewegen die Konstruktion aus Stahl, Nylongurten, einem robusten Reifen samt Scheibenbremse und Sitzpolstern. Ein wenig erinnert das Ganze an eine Sänfte mit Rad. Renneberg steht zwischen den beiden langen Frontstangen, vor der Brust hängt ein gekreuzter Schultergurt. „Man zieht damit und hält die Balance“, sagt Renneberg. Ein bisschen Übung braucht es, dann klappt Fortbewegung gut. Hinten übernimmt Klages die Bremsen und unterstützt durch Anschieben.

Großes Lob vom Insassen für Geländerollstuhl

„Anfang ist es etwas ungewohnt, man denkt er kippt gleich um“, sagt Klages. Einfach loslassen sollte man nicht, ansonsten lässt sich das Gefährt gut manövrieren. „Jemand mitzunehmen, auch in unwegsamen Gelände, funktioniert einwandfrei“, ergänzt Renneberg. Vom Insassen gibt es ein eindeutiges Kompliment an die Joelette: „Die Federung ist klasse.“ Wenn man sich erstmal überwunden hat, die Selbstständigkeit aufzugeben, dann sitzt es sich sehr angenehm in dem Geländerollstuhl, so Röhrs. Seinen Rollstuhl für den Alltag ist nur durch die Sitzauflage gefedert, jede Unebenheit überträgt sich in den Körper.

Andreas Ull ist Mitorganisator der Tour fürs Leben, Bettina Bouma, Mitarbeiterin der Tourist-Information Lüneburger Heide, organisiert den Verleih der Joelette. Quelle: Benjamin Behrens

„Hier am Wietzer Berg kommt man mit einem normalen Rollstuhl ohnehin ja kaum vorwärts“, sagt Bettina Bouma, Mitarbeiterin der Tourist-Information Lüneburger Heide. „Ich habe recherchiert und bin auf die Joelette aus Frankreich gestoßen. Die Franzosen wandern damit bis in die Berge hinein“, berichtet Bouma.

Röhrs hat sich mit Behinderung gut arrangiert

So harte Bedingungen erwarten die Teilnehmer bei der Tours fürs Leben nicht. Seit einem schweren Autounfall, ein anderer Fahrer nahm ihm bei nasser Straße die Vorfahrt, ist Röhrs querschnittsgelähmt. Die Wirbelsäule war mehrfach gebrochen, gesplitterte Rippen hatten die Lunge verletzt, hinzu kamen Verbrennungen. Einige Zeit lag er im Koma. Nach der Reha in einer Hamburger Spezialklinik startete Röhrs in sein neues Leben. „Ich bin eine Frohnatur“, sagt er heute über sich selbst.

Der selbstständige Baggerführer bedient problemlos sein Fahrzeug und anderes schweres Gerät. Seinen umgerüsteten Geländewagen kann er komplett mit den Händen fahren. Es ist ein Schauspiel, wenn der muskulöse Mann seinen Oberkörper auf den Fahrersitz wuchtet, sich anschnallt, nur um sich dann gleich wieder tief hinauszulehnen. Blitzschnell ist der Sport-Rollstuhl zerlegt und auf dem Beifahrersitz verstaut. Nach mittlerweile zwölf Jahren hat die Karosserie unter dem häufigen Ein- und Ausladen gelitten, tiefe Kerben und blankes Metall dokumentieren, wo der Rollstuhl schon angeeckt ist. „Ich habe mir gerade einen neuen Wagen bestellt, es tut mir jetzt schon leid um ihn“, sagt der Sülzer und grinst.

Standard-Rollstühle halten mit Röhrs nicht mit

Vom Sport lässt sich der 48-Jährige nicht durch seine Behinderung abhalten, im Gegenteil. Jeden Tag bewältigt der Rollstuhlfahrer eine Strecke von 15 Kilometern in seinem Handbike. Die Konstruktion ähnelt einem Liegefahrrad und wird vor den Rollstuhl gespannt. Sollten sich keine Fahrer für die Joelette finden, will er den rund 15 Kilometer langen Streckenabschnitt von Sülze nach Müden per Handbike fahren. Vor dem Unfall fuhr Röhrs Rennrad. Auch abseits des Berufs schraubt Röhrs gerne an Motoren. Er hat das Gokart-Fahren für sich entdeckt und wurde mehrfach Deutscher Meister in der sogenannten Formel-Handicap. Lange war der Rollstuhlfahrer auf der Suche nach einem Gefährt, dass mit ihm mithalten kann. „Die faltbaren Rollstühle sind mir immer durchgebrochen“, berichtet der Sportler. Die jetzige Spezialanfertigung ist robust und vielseitig.

Zerlegt passt die Joelette in fast jeden Kofferraum. Quelle: Benjamin Behrens

Die Organisatoren suchen noch Helfer, die die Joelette auf der Tour von Sülze nach Müden anschieben. Freiwillige erreichen Bettina Bouma von der Touristen-Info unter Telefon (05053) 989223 oder per E-Mail an info@touristinformation-mueden.de.

So können sie sich anmelden

Die Teilnahme an der „Tour fürs Leben“ kostet 10 Euro (ermäßigt 5 Euro). Für die Shuttle-Strecken werden zuzüglich 5 Euro (2,50 Euro) und bei Shuttlenutzung einmalig eine Gebühr für ein Shuttle-Leibchen (5 Euro) als „Fahrschein“ fällig. Anmeldungen, auch für die Shuttlestrecken, über www.laufmanager.net, Rückfragen ans Onkoforum unter Telefon (05141) 2196605. Ursprünglich war geplant, den historischen Museumszug „Ameisenbär“ als Shuttle einzusetzen. Der Zug (Baujahr 1937) fällt mit einem Bremsenschaden aus. Als Ersatz lässt die OHE nun den Dieseltriebwagen GDT 0518 der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg auf die Strecke (Baujahr 1955). Die Anmeldung ist auch am Tag der Tour selbst noch möglich.

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