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Wolf im Landkreis Celle „Die Nerven liegen blank“
Thema Wolf im Landkreis Celle „Die Nerven liegen blank“
14:16 22.03.2019
Die Forderung nach einem aktiven Wolfsmanagement wird immer lauter. Quelle: Anke Schlicht
Faßberg

Die Debatte um Isegrim ist ohnehin von extrem kontroverser und aufgeheizter Natur, und nun bringt der Auftaktredner einer Veranstaltung, deren Titel „20 Jahre Wolf in Deutschland – wo stehen wir?“ sachliche Information verspricht, auch noch Bienen und Co. ins Spiel. „Über den Schwund der Insekten spricht keiner, aber ein Wolfsleben steht ganz oben auf der Liste“, gibt Jäger und Autor, Rüdiger Wnuck, in seinem den vier Fachvorträgen vorangestellten Impulsreferat zu bedenken. „Wir werden immer mehr, so viele Stimmen kann man nicht überhören“, lautet einer der ersten Sätze des Moderators Jochen Rehse. „Bei den Tierhaltern liegen die Nerven blank, die Zeit läuft uns weg“, spricht der Vizepräsident des Landvolkes Niedersachsen, Jörn Ehlers, in seinem Grußwort aus, was im Saal zu spüren ist, und formuliert als Forderung seines Verbandes ein aktives Wolfsmanagement, das heißt: Der Wolf ist in den Katalog der bejagbaren Arten aufzunehmen.

Aufgeheizte Atmosphäre

„Wolfswut“ überschrieb der „Spiegel“ einen Artikel im Januar dieses Jahres über den Beutegreifer und die Menschen, die sich von ihm gestört fühlen. Treffender lässt sich die Atmosphäre unter den 137 Zuhörern im Saal nicht in Worte fassen. Viele Landwirte, die Weidetierhaltung betreiben, sind der Einladung der Bürgerinitiative für wolfsfreie Dörfer sowie des Verbandes der Weidetierhalter Deutschland nach Faßberg gefolgt. Die Motive, die die beiden Veranstalter für ihre Logos gewählt haben, bilden die Pole ab, zwischen denen sich die Thematik bewegt: der zähnefletschende Isegrim auf der einen, das kleine Mädchen mit einem Lämmchen im Arm auf der anderen Seite.

Der Wolf läuft durch Dörfer

Mit Inhalt füllen sollen die vier Fachreferenten: Priv.-Doz. Dr. Nicole von Wurmb-Schwark mit ihrem Vortrag „Der Zusammenhang zwischen forensischer DNA-Analyse und dem Wolf“, Zaunspezialist Martin Holm, der Wildtierbeauftragte Friedrich Noltenius aus Sachsen mit dem Referat „20 Jahre Wolf – wo stehen wir heute?“ sowie der Vertreter des „Forums Natur Brandenburg“, Gregor Beyer. „Bei uns läuft der Wolf in den Dörfern, wir müssen was tun“, konstatierten einige Bewohner aus Winsen und Bannetze vor einem Jahr und schlossen sich kurzerhand zu einer Bürgerinitiative zusammen, die als einen ihrer neun Kritikpunkte die Gefahr, die das seit 1992 unter strengem Schutz stehende Wildtier für den Menschen darstelle, auflistet. Zu mehr als Sichtungen ist es bisher nicht gekommen, die Bedrohung findet in den Köpfen statt.

Wissen statt Märchen

Alles andere als abstrakt gestaltet sich dagegen die Gefahr für Schafe, Heidschnucken, Rinder und andere Weidetiere. „Die Zahl der durch den Wolf verursachten Nutztierschäden steigt jährlich an. Dies steht im Zusammenhang mit der anwachsenden Wolfspopulation“, ist auf der Internetseite des Wolfsbüros Niedersachsen nachzulesen, 427 waren es offiziell im Jahr 2017, 240 im Jahr darauf. Statistik ist nüchtern, der Kopf nimmt zur Kenntnis; schaltet sich bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger ab, als Referent Gregor Beyer innerhalb seines Vortrages „Gedanken zum Wildtiermanagement Wolf“ das Foto einer Kuh zeigt, die um ihr gerade zur Welt gebrachtes Kalb trauert – kaum mehr als das Gerippe ist übrig, zerfetzt liegt es vor ihr. „Die Mutterkuh hat noch gekämpft um das Neugeborene, die Lauscherverletzungen belegen es“, erläutert Beyer. Wenige Tage später starb sie selbst, „die Bisse des Wolfes sind septisch.“ Der Wolf produziert Bilder, die Emotionen auslösen, ähnlich wohl jenen von Kälbern, die zum Schlachthof geführt werden.

Es gibt keine Schadensstatistik Wolf

Die Dunkelziffer bei den getöteten Weidetieren ist hoch, verschwundene Kälber zum Beispiel tauchen gar nicht auf. „Es gibt keine Schadensstatistik Wolf, sondern nur eine Nutztierrisse-Statistik“, fährt Beyer fort. Der studierte Förster und frühere Landtagsabgeordnete beschäftigt sich in seiner Funktion als Geschäftsführer des „Forums Natur Brandenburg“ mit dem Wolf. In Faßberg spricht er von kursierenden Märchen zum Wolf in Europa, die ausgeräumt werden müssten. Wissen statt Märchen, ist in großen Lettern an der Vortragswand zu lesen: Der Wolf sei in Deutschland nie ausgerottet gewesen, von gefährdeter Art könne keine Rede sein. Das Märchen, das aus Wünschen geboren wurde, lautet: „Der Wolf bedient sich vorrangig an Wildtieren, selten an Schafen, nie an Rindern, und Pferde sind für ihn unerreichbar!“ Den Gegenbeweis liefert das anschließend eingeblendete Foto der trauernden Mutterkuh. Der Wolf frisst das, was für ihn am leichtesten erreichbar ist. Regulative Intervention ist vom derzeitigen Wolfsmanagement nicht zu erwarten. Es managt laut Beyer die Wolfsbestände nicht, sondern beobachtet lediglich die Ausbreitung und Zunahme. „Management-Pläne versuchen – meist mittels überaus bürokratischer Regelungen – die Betroffenen zu beruhigen“, referiert der Experte.

Konfrontation mit toten oder schwer verletzten Tieren

Der Vortrag kommt an. „Heute haben wir hier viel Wahrheit gehört“, zeigt sich ein Besucher sehr zufrieden mit der ersten Halbzeit. Die Gäste freuen sich über Beyers Klartext. Sie wirken ungeduldig, „wolfsmüde“ und der strengen Regularien zum Schutz Isegrims auf der einen und dem veränderten, sehr erschwerten Arbeitsalltag auf der anderen Seite überdrüssig – von den psychischen Belastungen, die die Angst um die Schutzbefohlenen sowie die Konfrontation mit toten oder schwer verletzten Tieren bedeutet, ganz abgesehen. „Wenn sich etwas ändern soll, müssen wir schnell sein. In der nächsten Regierung könnten wieder die Grünen vertreten sein“, ist aus den Reihen der Zuhörer, die nach allen Referaten viele Fragen stellen, zu vernehmen. Neben den Grünen sind es die Städter, die als Hemmschuh für die Bereitschaft der Entscheidungsträger, etwas zu verändern, ausgemacht wurden.

Abweichende Ansichten der Landbewohner

Dass die Ansichten der urbanen Bevölkerung von der der Landbewohner in puncto Wolf abweichen, ist auch für die beiden Mitglieder grüner Ortsverbände, die die Referate im Saal verfolgen, nichts Neues. „Da gibt es auch bei uns innerparteilich Konflikte“, sagt die Vorsitzende des Ortsverbandes Eschede/Lachendorf Marlies Petersen. „Ich finde es wichtig, die Stimmung mitzukriegen“, nennt der Vorsitzende des Grünen-Ortsverbandes Nordkreis Celle, Rolf Kuhlmeyer, als ein Motiv für seine Teilnahme. „Es kommt einiges an objektiven Ansätzen, aber es wird in schwierige Zusammenhänge gestellt“, resümiert Kuhlmeyer. Marlies Petersen vermisst die wissenschaftlich-objektive Sicht, den ersten Teil empfand sie als sehr emotional, aber inhaltlich erkennt sie durchaus Übereinstimmungen: „Das Wolfsmanagement ist zu zäh. Es gibt eine große Unsicherheit“, sagt sie und ergänzt: „Natürlich sind wir Befürworter der Weidetierhaltung.“

Rückkehr des Wolfes kann gelingen

Auch Referent Gregor Beyer ist kein Wolfsgegner: „Die Rückkehr des Wolfes kann auch in einer Kulturlandschaft gelingen“, lautet seine These. Eine dafür unerlässliche Voraussetzung formuliert mit Blick auf die sich scheinbar unversöhnlich gegenüberstehenden Befürworter und Gegner des faszinierenden Wildtieres Marlies Petersen: „Wir müssen zueinander finden!“

Von Anke Schlicht

Im Landkreis Celle leben immer mehr Wölfe.
Die CZ begleitet diese Entwicklung mit ihrer Berichterstattung und erklärt immer wieder die verschiedenen Positionen in dieser Debatte.

Nachfolgend finden Sie eine Übersicht der Nutztierrissse im Landkreis Celle:

Nachfolgend finden Sie weiterführende Links zum Thema. Unter anderem zum Wolfsportal des Niedersächsischen Umweltministeriums und dem Wildtier-Management der Landesjägerschaft Niedersachsen: