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weitere Themen 100 Fahrten in die geteilte Stadt Unterwegs mit Motorrad, Auto und Flugzeug
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14:44 13.06.2010
Horst Quiatkowsky vor seinen Auszeichnungen Quelle: Julia Klaschka
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Celle Stadt

Es war der 20. April 1952. Horst Quiatkowsky hat Geburtstag. Sein Geburtstagswunsch lautete: Gemeinsam mit der Familie in Berlin feiern. Aus persönlichen Gründen entschied man sich, getrennt zu fahren. Seine Frau und sein Sohn fuhren mit dem Bus, Quiatkowsky nahm sein Motorrad. Natürlich wollte der Mann, der seit 1973 in Celle lebt, so schnell durchkommen wie möglich und trat dafür ordentlich aufs Gas.

Kurz hinter Michendorf, wo die Straßen sehr kurvig sind, begann damals eine Baustelle. Die Zahlen der Schilder mit der Höchstgeschwindigkeit wurden immer kleiner. Erst 80, dann 60 und schließlich nur noch 40. Natürlich verminderte Quiatkowsky das Tempo, doch Berlin war nahe und das Ziel lockte, so dass er immer noch zu schnell fuhr. An die häufigen Geschwindigkeitsmessungen dachte er nicht. „Und Schwups war es passiert“, erinnert sich Quiatkowsky. Bei der nächsten Gelegenheit wurde er rausgewunken. „Ärgerlich war es schon, aber ich hätte es wissen müssen“, sieht Quiatkowsky ein. Die Frage des Polizisten, ob er wisse, warum man ihn angehalten habe, beantwortet er ruhig. Das Strafgeld betrug fünf Deutsche Mark. „Das war viel Geld damals für einen Familienvater, der nur 350 Mark im Monat verdient“, erklärt Quiatkowsky. Ein Versuch schien es wert zu sein, darum hielt er dem Volkspolizisten seinen Führerschein mit Geburtsdatum noch einmal unter die Nase und sagte: „Wissen Sie, ich wollte ja nur schnell nach Berlin, um mit meinen Angehörigen meinen Geburtstag zu feiern. Könnten Sie nicht eine Ausnahme machen?“ Der Polizist gab ihm nicht die gewünschte Antwort, dennoch war er freundlich: „Ich gratuliere Ihnen recht herzlich. Ich würde Ihnen das Strafgeld auch gerne erlassen. Aber sehen Sie den Dienstwagen dort? Darin sitzt mein Vorgesetzter und der kontrolliert mich.“ Das Geld war also weg. Was blieb, war das Erlebnis, das Quiatkowsky bis heute nicht vergessen hat.

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Volle drei Pässe mit Stempeln sind ihm von all seinen Reisen nach Berlin geblieben. Bis 1989 ist er ungefähr 100 mal in die geteilte Stadt gereist, schätzt der 85-Jährige, der heute in einem Haus in Garßen lebt. Ab 1956 durfte er allerdings die Landwege nicht mehr benutzen, da er der Bundeswehr beigetreten war. Um seine Verwandten zu besuchen, stieg er seitdem ins Flugzeug.

Quiatkowsky wurde im Jahr 1924 in Berlin geboren. Sein Weg in den Kreis Celle ist verschlungen. Im zweiten Weltkrieg geriet er in Italien in Kriegsgefangenschaft und begann 1948 in Faßberg ein neues Leben. Dort fand er später seine große Liebe, heiratete und blieb. Jahrelang fuhr er immer wieder mit seinem VW Käfer durch die DDR, um nach Berlin zu kommen, wo seine Verwandten lebten.

Bei den Fahrten hat Quiatkowsky viele Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel hatte er gelernt, wie man die Sitze im Auto ausbaut, da man dies an der Grenzkontrolle oft verlangt hat. Hier wurde kontrolliert, dass niemand aus Ostdeutschland herausgeschmuggelt wurde. Dennoch weiß er, dass nicht alle Grenzpolizisten schlecht waren. Und manche hatten sogar Humor.

Am lustigsten findet er eine Geschichte bei der Zwischenkontrollstelle in Magdeburg. Der 85-Jährige lacht, bevor er zu erzählen beginnt: Er fuhr im November 1954 gemeinsam mit einem Freund auf einem Motorrad zurück in den Westen. Es war kalt und die Motorradkleidung wärmte wie ein Papiertaschentuch – nämlich gar nicht. Durchgefroren machten die beiden an einer Tankstelle in Ziesar halt und tauschten Zigaretten gegen Kaffee. Vom Tankstellenward erhielten sie Zeitungen, die sie sich zusammengeknüllt unter die Kleidung stopften. Genügend aufgewärmt ging es weiter. Den Windschatten eines vorausfahrenden Lastwagens machten sie sich zunutze, um vor den Wind geschützt nach Magdeburg zur Zwischenkontrolle zu gelangen. Dort angekommen setzten sie sich vor den Lkw, um Zeit zu sparen. Das Warten an den Kontrollen konnte nämlich Stunden dauern. „Drei ganze Wochen habe ich wohl insgesamt bei den Kontrollen gewartet“, glaubt Quiatkowsky.

Aufgebracht stieg der Lastwagenfahrer aus. „Ein echter Berliner war das“, so Quiatkowsky und zitiert den Fahrer, „Ihr Idioten! Ihr blöden Heinriche! Ik denk die janze Zeit ihr seid Volkspolizisten. Hättet ihr nicht mal vorfahren können?“ Selbst lachend fügt Quiatkowsky noch hinzu: „Die Volkspolizisten haben sich totgelacht und uns daraufhin nur noch durchgewunken.“

-Ihre Geschichte: Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt? Sind Sie selbst aus der DDR geflohen? Welches emotionale Erlebnis verbinden Sie mit dem Mauerfall? Wir freuen uns, wenn wir mit Ihnen ins Gespräch kommen. Sie erreichen uns per E-Mail redaktion@cellesche-zeitung.de, per Fax (05141) 990112 oder an

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Stichwort „Mauerfall“

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29221 Celle

Von Julia Klaschka