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weitere Themen Die Berliner Mauer bröckelte bereits im Mai
Thema weitere Themen Die Berliner Mauer bröckelte bereits im Mai
14:20 13.06.2010
Werner Rall führte am 5. Mai 1989 mit einer Gruppe französischer Austauschschüler ein Gespräch mit einem DDR-Grenzer durch einen Mauerspalt. Quelle: Stefan Kübler
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Celle Stadt

Wie in jedem Jahr stand Werner Rall am 5. Mai 1989 an der Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Mit rund 25 französischen Ausstauschschülern und zwei Lehrern war er soeben aus dem Reisebus gestiegen, hatte eine Aussichtsplattform bestiegen und einen Blick in den Ostteil der Stadt geworfen. Einige Schüler standen unten an der Mauer. Plötzlich riefen sie aufgeregt nach ihrer Lehrerin, denn sie hatten eine Lücke und dahinter das Gesicht eines Grenzsoldaten entdeckt. „Darf ich sie ansprechen?“, fragte Liliane Gonzalez durch den Spalt. „Ja, das dürfen sie“, lautete die verblüffende Antwort.

Bis dahin war der Ausflug für Rall wie gewohnt verlaufen. Seit 1982 organisierte der Oberstudienrat und Lehrer für Französisch und Sport den Austausch zwischen seinem Hölty-Gymnasium und ihrer Partnerschule Jacques Prévert in Verson in der Normandie. Mit den Einreisebestimmungen kannte Rall sich aus. An der Zonengrenze Helmstedt-Marienborn hatte er dem DDR-Grenzer eine Liste der Schüler in dreifacher Ausfertigung sowie jeweils zwei Fotos übergeben müssen. Jeder im Bus bekam anschließend einen Identitätsausweis, den er drei Stunden später am Übergang zu Westberlin wieder abgeben musste. Die Prozedur in Marienborn zog sich über eine Stunde hin und für die Rückfahrt am Abend drohte der gleiche Aufwand. Die jungen Franzosen waren fassungslos über dieses zeitraubende Verfahren.

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Ihr erster Weg führte sie in die Bernauer Straße, in der sich das seltsame Gespräch mit dem DDR-Volkspolizisten durch den Mauerspalt ergab. Der anonyme VoPo erwies sich als wenig gesprächig und stellte mehr Fragen, als dass er über sich sprach. Lehrerin Gonzalez erzählte ihm, dass sie bereits in der DDR gewesen sei. „Wo denn?“, wollte der Grenzer wissen. „In Schwerin“, antwortete sie. „Was haben sie denn dort gemacht?“ Die Französin erzählte ihm, dass sie auf Einladung der DDR-Regierung zu einem Empfang eingeladen wurde. „Damit wollte die DDR Werbung außerhalb Deutschlands für ihr Regime machen“, sagt Rall heute.

Gonzalez musste Mund und Ohr dicht an die Lücke halten, um sich mit dem jungen Mann unterhalten zu können. Das Gespräch dauerte nur wenige Minuten, zog jedoch alle Beteiligten in ihren Bann. Die Schüler machten Fotos und Werner Rall stand sprachlos und fasziniert daneben. „Es sah nicht so aus, als hätte der Herr hinter der Mauer Angst gehabt, denn eigentlich hätte er sich gar nicht allein und so nah an der Mauer aufhalten dürfen“, sagt er.

Auf dem Heimweg dann die nächste Überraschung: Anstatt sie mit einer neuen Ladung Identitätsausweise zu versorgen, kürten die Grenzsoldaten anhand der Passfotos die hübscheste Französin und überreichten ihr eine Blume, die sie am Wegesrand pflückten. „Hier begann im Kleinen die Ablehnung staatlicher Vorschriften, die wenige Monate später zum Fall der Mauer führte“, ist Rall sich sicher.

Von Stefan Kübler