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weitere Themen Hitler-Adjutant Fritz Darges in Celle beigesetzt
Thema weitere Themen Hitler-Adjutant Fritz Darges in Celle beigesetzt
15:47 31.08.2016
Von Andreas Babel
Celle Stadt

Nach dem Krieg fing Friedrich genannt „Fritz“ Darges in Celle neu an. Dabei war er nicht irgendwer. Nein, er war einer der persönlichen Adjutanten von Adolf Hitler. Er erlebte acht Jahre lang die Planungen für die Greueltaten des zerstörerischen Regimes aus allernächster Nähe mit. Am 25. Oktober starb er 96-jährig in Celle. Er war der letzte noch lebende Adjutant Hitlers und im letzten Kriegsjahr Kommandeur eines SS-„Wiking“-Regiments.

Adolf Seinecke (88) war einer seiner besten Freunde. Der Celler lernte Darges im Autohaus Maussner kennen. Seinecke war Kunde, Darges hatte dort den Posten des Kundendienst-Annahmeleiters inne. Sie kamen ins Gespräch. Sie stellten fest, dass sie beide Panzerleute waren. „Wir haben uns kurz beschnuppert. Dann hat es nicht lange gedauert, bis wir uns angefreundet haben“, sagt Seinecke.

Darges schrieb Tagebuch: Der ehemalige Obersturmbannführer vertraute Seinecke viel an – Details über den Mann, den er gegenüber seinem Freund nur „A. H.“ nannte oder das Geschehen in den jeweiligen Führerhauptquartieren verschwieg Darges indes. Hatte er sich etwas vorzuwerfen? Was wusste er? Wir wissen es noch nicht – vielleicht aber bald mehr. „Er hat im Krieg Tagebuch geschrieben, auch bei Hitler hat er teilweise Tagebuch geschrieben“, sagt Seinecke. „Darauf wartet jetzt die Welt“, heißt es in einer polnischen Nachrichten-Internet-Plattform.

Seit 33 Jahren war ein Vorwerker Gärtner, Hausmeister und Vertrauter des einstigen Hitler-Adjutanten. Der 67-Jährige kümmerte sich bis zum letzten Atemzug um den Greis. „Ich habe ihm die Augen zugemacht. Das hatte ich ihm versprochen“, sagte sein betreuer. Dessen Frau (65) führte seit 29 Jahren den Haushalt von Darges.

Ritual und Gitterstäbe: Im Ruhestand hatte Darges ein festes Ritual: Um 10 Uhr verließ er für einen zweistündigen Ausflug in Celles Innenstadt die gelb-getünchte Doppelhaushälfte im Hehlentorgebiet. In die weiß gestrichenen Gitterstäbe im Erdgeschoss sind die Initialen D für seinen Nachnamen und ein S für den Mädchennamen seiner Frau Helene Darges-Sonnemann eingearbeitet. Bis vor einem Jahr wanderte der einstige Hitler-Adjutant über die Pfennigbrücke in die Altstadt. In einem Café setzte er sich zu einem Cappuccino nieder. Er schwärmte von der Buchweizentorte, die dort serviert wurde. Er genoss den Frieden in der Bundesrepublik.

Beine versagen ihren Dienst: Zum Ende seiner täglichen Ausflüge lenkte er seine Schritte über die Allerbrücke zurück zu seinem Zuhause. Bis er vor etwa einem Jahr die Brücke überquert hatte, in die Wittinger Straße einbiegen wollte und seine Beine ihm den Dienst versagten. Da hatte er Glück, dass zwei Frauen ihn ansprachen, ihn unterhakten und zuhause absetzten. Von diesem Tage an ging es bergab.

Sein letztes Silvesterfest verbrachte Darges alleine vor dem modernen Flachbildschirm im Raum neben seinem Schlafzimmer. Die Jahre zuvor hatte er den Jahreswechsel stets mit der Nachbarfamilie gefeiert. Jetzt musste ihm eine Schüssel Heringssalat von der Nachbarin genügen, da ihm das „Rübergehen zu beschwerlich ist“, wie er dem Ehepaar sagte.

„Bitte nicht so blutig“: Ins Obergeschoss gelangte er zuletzt nur noch mit einem Treppenlift. Seitdem im Internet über seine Vergangenheit zu lesen war, bekam er häufiger Post und Anrufe auch von weither. „Er war baff, als ich ihm zeigte, wie im Internet alte Fotos von ihm versteigert worden sind“, sagt die Frau an der Seite von Adolf Seinecke. Sie wurde auch die Fußpflegerin des letzten noch lebenden Hitler-Adjutanten. „Bitte nicht so blutig“, habe Darges vor jeder Sitzung geflachst. Dahin ließ er sich stets mit einem Taxi chauffieren. „Er wollte rauskommen“, sagt Seinecke.

Nach dem Tod seiner Frau 1998 ging Darges mit dem Paar auch öfter in Restaurants in der Celler Innenstadt essen. Er war ein Gourmet und ausgezeichneter Weinkenner. Als seine Frau noch lebte, besuchten sie viele große Feste. Noch mit weit über 90 Jahren erlebte Darges die Oratorien und sonstigen musikalischen Aufführungen in der Celler Stadtkirche mit. Nach dem Krieg trat er wieder der evangelischen Kirche bei, sagt Seinecke.

Beruf und Privates: Im Autohaus Maussner arbeitete er bis 1966, ehe er für zehn Jahre zum Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes wurde. Im Frühjahr 1976 gingen er und seine Frau innerhalb von zwei Wochen in den Ruhestand. Von Mitgliedschaften in Vereinen und Verbänden sah er ab. Er wollte offenbar nicht, dass irgendeine Organisation durch seine SS-Vergangenheit belastet werden könnte. Lediglich in informellen Gruppierungen war er gern gesehenes Mitglied oder Gast. „Dass er SS-Mann war, wussten alle, die näher mit ihm zu tun hatten. Und auch, dass er Adjutant von Hitler war, wussten die meisten seiner Freunde“, sagt Seinecke.

Serienverlauf: In den kommenden Tagen soll der Mann, der 64 Jahre nach Kriegsende und nach Hitlers Tod in Celle gestorben ist, näher beschrieben werden. Dann sollen seine Nachbarn, Freunde und Weggefährten im Autohaus Maussner und beim DRK zu Wort kommen.

Lesen Sie am Dienstag, 1. Dezember: Weswegen es zwischen Hitler und seinem Adjutanten am 19. Juli 1944 zum Bruch kam.

Lebenslauf

8. Februar 1913: Geburt in Dülseberg (heute Diesdorf) bei Salzwedel

1930: Mittlere Reife in Hermannsburg

ab 1930: Ausbildung zum Exportkaufmann in Hamburg

April 1933: freiwilliger Beitritt zur SS

ab 1934 bis April 1935: SS-Junkerschule Bad Tölz

1936 bis 1939: Adjutant von Reichsleiter Martin Bormann, einem der mächtigsten Männer im NS-Reich

1939 bis 1940: Kompaniechef bei der Waffen-SS; Teilnehmer an der Schlacht von Frankreich

1940 bis 1942: persönlicher Adjutant von Adolf Hitler

1943 bis 18. Juli 1944: weiterhin im inneren Zirkel von Adolf Hitler; unter anderem Begleiter von Eva Braun

30. Januar 1944: Beförderung zum Obersturmbannführer (Oberstleutnant)

ab August 44: Kommandeur Regiment „Wiking“

5. April 1945: Verleihung des Ritterkreuzes

1945 bis 1948: amerikanische Kriegsgefangenschaft

1950: Neuanfang in Celle

1952: Heirat mit Dr. Helene Darges-Sonnemann

1955: Bezug des eigenen Hauses

mindestens seit 1953 bis 1966: Beschäftigung beim Autohaus Maussner in Celle

1966 bis 28. Februar 1976: Kreisgeschäftsführer des DRK Celle

25. Oktober 2009: in Celle verstorben