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Kultur Idylle von nicht langer Dauer
Weltgeschehen Kultur Idylle von nicht langer Dauer
10:33 05.06.2019
Die 4-Kanal-Videoinstallation von Bjorn Melhus unter dem Titel „The End Time“ stammt aus diesem Jahr. Quelle: VG Bild-Kunst, Bonn
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Hannover

Romantisch? Nun ja, im „Fokus“-Raum des Sprengel Museums sind Bilder vom Mond zu sehen. Doch das ist nicht alles: Auf den anderen Wänden erscheint eine geisterhafte männliche Gestalt und zitiert mit Frauenstimme rätselhafte Sätze. Schüsse peitschen durch den Raum – nein, wer länger hier verweilt, findet die 4-Kanal-Videoinstallation „The End Time“ wahrscheinlich immer unbehaglicher. Sie steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Spectral Afterlives“ von Bjørn Melhus.

Sprengel-Preis-Gewinner

Der Künstler lebt in Berlin, hat aber immer wieder in Hannover von sich reden gemacht; so gewann er 2000/2001 den Preis des hiesigen Kunstvereins und den Sprengel-Preis. Nun ist ihm der 74. Band der Reihe „Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen“ gewidmet worden – Anlass für die laufende Schau.

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Eigenartigste Stimmeinspielungen

Melhus thematisiert gern den Einfluss der Massenmedien und tritt in seinen Videos bevorzugt selbst auf, begleitet indes von den eigenartigsten Stimmeinspielungen. In „The End Time“ benennt die Schrift auf Melhus’ grünem T-Shirt seine Leiblings-Kunstfigur Dorothy, im Film „The Wizard of Oz“ von Judy Garland gespielt – entsprechende Zitate und solche aus der Fernsehserie „China Beach“ sind auch zu hören. Dass Melhus farblose Kontaktlinsen trägt, macht sein Erscheinungsbild noch unwirklicher.

Fast beschauliche Atmosphäre

Neben den Mondbildern gibt es Aufnahmen aus dem zentralvietnamesischen Dschungel, womit sowohl die erste Landung auf dem Erdtrabanten als auch der berüchtigte Krieg angesprochen werden: Beide Ereignisse haben die Menschen stark berührt, jedoch auf sehr unterschiedliche Weise. Die Gesangszeilen im Melhus-Film beschwören zuweilen eine fast beschauliche Atmosphäre herauf, doch kann man sich darauf verlassen, dass die Idylle nicht von langer Dauer sein wird. In handwerklicher Hinsicht ist die Arbeit erstklassig: Den rhythmisch punktgenauen Filmschnitt beherrscht Melhus wie kein zweiter.

Auch ältere Arbeiten zu sehen

„The End Time“ ist direkt für die Ausstellung im Sprengel Museum entstanden. Vor dem Hauptraum kann man auf Monitoren ältere Arbeiten des Künstlers sehen: „The Oral Thing“ von 2001 beispielsweise zeigt so etwas wie eine völlig entgleiste Talkshow, und in „Blue Moon“ aus dem Jahr 1997 tritt Melhus sogar als leibhaftiger Schlumpf auf.

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. Januar im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, in Hannover zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags, 10 bis 20 Uhr; mittwochs bis sonntags, 10 bis 18 Uhr.

Von Jörg Worat

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