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Kultur „Der Entertainer“ ohne Grautöne und Facettenreichtum
Weltgeschehen Kultur „Der Entertainer“ ohne Grautöne und Facettenreichtum
14:31 23.10.2017
Henning Hartmann ist – hier mit Tanzensemble und Band – im Stück „Der Entertainer“ von John Osborne im Schauspiel Hannover zu sehen. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Dergestalt nämlich, dass entweder jemand auf der Bühne in endlose Tiraden und/oder brachiale Action verfiel oder gar nichts mehr passierte. Mit Ausnahme der verbindenden Elemente Rauchen und Saufen – ohne Glimmstängel und Drink zwischen den Fingern lief hier kaum etwas.

Nun ist das Stück allerdings auch die Geschichte eines Niedergangs. Vordergründig denjenigen der britischen Music-Hall-Kultur angesichts zunehmender TV-Seligkeit, es ist aber zudem die Zeit des Sinai-Kriegs. Dass Laberenz die allgemeine Krisenstimmung in der Schwebe hält, ist nachvollziehbar, denn ebenso wenig wie in den 50er Jahren mangelt es heute an einer Grundbefindlichkeit, dass so allerlei gründlich den Bach runtergeht.

Die Protagonisten des Stücks sind die Mitglieder der Familie Rice. Allen voran Archie, unter den schlechten Entertainern womöglich der schlechteste. Henning Hartmann spielt ihn großartig, belästigt alle mit den blödsinnigsten Zoten, deren Pointen zudem oft schon nach dem ersten Satz erkennbar werden. Archie kommt darüber hinaus die Fähigkeit abhanden, zwischen Privatleben und Beruf zu trennen – dass Volker Hintermeiers Bühnenbild eine Kombination aus Wohnsalon und Showbühne darstellt, ergibt daher Sinn.

In darstellerischer Hinsicht gibt es wenig zu meckern, neben Hartmann ragt noch Gastschauspielerin Hannah Müller heraus, die als Rice-Tochter Jean sehr präsent wirkt und gut artikuliert. Überzeugend auch die drei Live-Musiker an einem Abend, der das Publikum mit Robbie Williams‘ „Let me entertain you“ in die Pause schickt und am Ende à la Sex Pistols „No future“ beschwört. Bewusst überzogen kommt die weibliche Tanztruppe mit ihren Glitzerkostümen und Häschenmasken daher.

Fazit: Das hätte ein feiner Abend werden können. Mit mehr Interesse für Grautöne und Facettenreichtum.

Von Jörg Worat