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Kultur Genießen und vergessen
Weltgeschehen Kultur Genießen und vergessen
17:36 19.09.2018
Die Oper "Così fan tutte" von Wolfgang Amadeus Mozart feierte in Hamburg eine gelungene Premiere. Quelle: Hans Jörg Michel
Hannover

Saisonbeginn an den Staatsopern in Hamburg und Hannover, wie er unterschiedlicher kaum sein konnte: In Hamburg brillierte ein vorzügliches Mozart-Ensemble mit einer exquisit gesungenen „Così fan tutte“ in einer Inszenierung von Herbert Fritsch, die viel wagte und trotz einiger Schwächen enorm viel gewann, weil es ihr gelungen war, der subtilen permanenten Doppeldeutigkeit der Musik eine grelle szenische Doppelbödigkeit beizugesellen. Es entstand tatsächlich ein Gesamtkunstwerk. Und gut musiziert wurde auch. Ein faszinierender Abend mit höchstem Empfehlungswert.

An der wesentlich geringer ausgestatteten Staatsoper Hannover begann man mit Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Schon nach dem ersten Akt schien alles klar zu sein mit dem Fazit zu den beiden Saisoneröffnungen: In Hamburg Mozart zum Genießen, in Hannover Wagner zum Vergessen. Der erste Akt von Wagners „Tristan“ rauschte in Hannover einfach durch. In aseptischer musikalischer wie szenischer Kälte wurde da zu schnell, zu laut und undifferenziert Wagners Musik und Szenenlauf der Leidenschaften abgehandelt, dass man seinen Sinnen nicht traute.

Aber ab dem zweiten Akt änderte sich vieles. Die Inszenierung von Stephen Langridge blieb zwar weiterhin in ihrer optischen Beliebigkeit mit ablenkenden Parallelhandlungen und viel Leerlauf in der Personenführung das Problem des Abends, jedoch steigerten sich die Sänger und auch Dirigent Will Humburg mit seinem Orchester gewaltig.

Vor allem sind diverse Sängerpersönlichkeiten zu nennen, die Hervorragendes leisteten, so Tobias Schabel als prägnant und sonor durchgestaltender König Marke und vor allem Khatuna Mikaberidze als Brangäne, die einmal mehr zeigte, welch Ausnahmekünstlerin sie ist. Sie färbt jeden Ton ein, lädt ihn mit Ausdruck auf und behält dabei meist ihre klare Diktion, ohne die Schönheit ihres Gesangs zu verlieren.

Aber auch der anfangs noch stimmlich steif wirkende Robert Künzli steigerte sich im Laufe des Abends immer mehr, obgleich seine Stimme nicht unbedingt das Volumen für diese Rolle mitbringt. Umso erstaunlicher war es, dass er im dritten Akt zu ganz großer Form auflief und fast wie ein neuer Sänger erschien. Und da Humburg nun auch das Orchester vorsichtiger in der Lautstärke dosierte, funktionierte dann auch die Balance zwischen Orchester und Sängern besser.

Ein Sonderfall war die Isolde Kelly Gods, deren große, aber farblose Stimme in Verbindung mit schrillen Spitzentönen zunächst ein Problem war, jedoch schien auch God zum Ende hin wie verwandelt, ließ ihre Stimme strömen und entwickelte dabei ein Klangvolumen, das nie unterging. Vor allem aber gelang ihr nun ein frei atmendes, ausdrucksintensives Gestalten ihres Gesangs. Wenn der Abend schon so begonnen hätte, hätte man die Ärmlichkeit der Regie ignorieren können. So bleibt das Fazit der beiden Staatsopern bei aller Bewunderung dafür, dass Hannover ein Stück wie den „Tristan“ mit eigenen Kräften besetzen kann, doch klar: Hamburgs „Così“ fasziniert als Gesamtkunstwerk, Hannovers „Tristan“ gefällt weitgehend als musikalisches Ereignis.

Von Reinald Hanke

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