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Kultur Kleines Festival der Superlative
Weltgeschehen Kultur Kleines Festival der Superlative
10:53 07.08.2018
Quelle: Kay-Christian Heine
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Hitzacker

Ein paar kleinere Schönheitsfehler waren nicht zu vermeiden: Der große Beethoven-Interpret Rudolf Buchbinder spielte ein 08-15-Programm, das dem Anspruch nicht gerecht wurde. Das Stegreif-Orchester aus Berlin faszinierte zwar mit einer besonderen Art des Musizierens, ließ aber auch Zweifel aufkommen, und ein weiterer Pianist der ersten Garde hinterließ wider Erwarten zwiespältige Eindrücke: Alexander Lonquich. Der erwies sich als großartiger musikalischer Charakterkopf, dem aber vor allem das Extreme in Beethovens Musik liegt, der das Vielgestaltige dieser Musik aber doch etwas ignoriert. Aber was haben solche Details für eine Bedeutung, wenn das große Ganze rundum gelungen ist.

Da ist vor allem zu nennen, dass das Konzept sämtliche Streichquartette von Ludwig van Beethoven innerhalb einer Woche aufzuführen bestens aufging. Zu verdanken war das dem Kuss-Quartett, in dem der Festivalintendant Oliver Wille selbst die zweite Geige spielt. Jeden Tag spielte diese Formation ein Konzert. Und jedes war für sich ein Erlebnis, manch Wiedergabe wurde gar zur musikalischen Sternstunde. Das Kuss-Quartett etablierte sich mit diesen Konzerten ganz oben in der Rangliste bedeutender Beethoven-Interpreten. Die Mischung aus radikale Geistestreue dem Stück und dem Komponisten gegenüber, spielerischer Überlegenheit bei immer spürbarer Lust am Musizieren und der Fähigkeit in jeden Moment auch spontan agieren und reagieren zu können, das zeichnete diese Wiedergaben aus.

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Gleichfalls bestens gelungen und zudem sensationell gut besucht: die Einführungsvorträge in der Kirche vor den Beethoven-Nachmittagskonzerten. Vor allem Michael Stegemann und Wille selbst erwiesen sich einmal mehr als begnadete Musikerklärer.

Gleichfalls durchweg hochkarätig waren die Abendkonzerte. Das Stegreiforchester übertrieb es zwar ein wenig mit der Show. Und die Beethoven-Anklänge in ihrer Brahms-Adaption hatten etwas Beliebiges, aber die spartenübergreifende Virtuosität ließ die Einwände verblassen. Es machte einfach Spaß, so vielen jungen Könnern beim Auswendigspielen, Improvisieren und szenischen Agieren zuzuhören und zuzuschauen. Was da als Mischung aus Klassik, Jazz, Rock und Elektrosound und Bewegungsregie zu erleben war, das dürfte kaum jemand jemals vorher gehört haben. Aber so sehr diese Darbietung faszinierte, so wurde das Ganze dann irgendwann doch fragwürdig, weil die Musik von Brahms und Beethovens dabei fast zu austauschbarem Beiwerk wurden.

Da war das schräge, dabei viel weniger aufwändige Konzertintermezzo der „Flying Schnörtzenbrekkers“ noch überzeugender, ja ein kleiner Höhepunkt des Festivals. Wie diese drei Musiker in einer Form zwischen Musikkabarett und Konzert die Musik von Johann Strauß, Johannes Brahms und auch der Fußballfans der ganzen Welt zum Objekt einer musikalischen Satire und Parodie verdichteten, wobei dann auch Beethoven mit ins Boot geholt wurde, das war einfach ein Genuss.

Da freut man sich schon auf das nächste Festival unter dem Motto „Grenzenlos“: Gidon Kremer wird genauso da sein wie die junge Jazzmusikerin Anna-Lena Schnabel und Oboist Albrecht Mayer. Außerdem werden Werke von vier Komponisten aus dem Wendland aufgeführt. Eine musikalische Nachtwanderung soll es auch geben.

Von Reinald Hanke