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Kultur Klischeedarstellung in Reinkultur
Weltgeschehen Kultur Klischeedarstellung in Reinkultur
17:26 24.09.2018
Anne Collier: „Positive (California), 2016“ (linkes Bild) und „Negative (California), 2013“.
Hannover

HANNOVER. Bilder von Bildern: Die Bearbeitung gefundenen Fotomaterials ist das Metier von Anne Collier. Die US-amerikanische Fotokünstlerin hat ihre Werke schon in bedeutenden Häusern präsentiert, die gerade eröffnete Schau im Sprengel Museum, eine Kooperation mit dem Fotomuseum Winterthur, ist jedoch ihre erste museale Einzelausstellung in Deutschland.

Sie heißt „Photographic“ und umkreist das Thema der Darstellung von Weiblichkeit in unterschiedlichen Medien. Collier berichtet, wie irritiert sie etwa einst bei der Beobachtung gewesen sei, dass Werbung für Kameras und fototechnisches Beiwerk oft absolut selbstverständlich mit Aufnahmen von nackten Frauenkörpern kombiniert wurden – einige Beispiele dafür sind im Sprengel Museum zu sehen.

Collier setzt häufig Mittel der Verfremdung ein, so zeigen gleich mehrere Serien tränende Frauenaugen im Großformat, wodurch das Klischee von weiblicher Gefühlsduseligkeit bewusst ins Penetrante überzogen wird. Eine neue Bildreihe arbeitet mit demselben Motiv, schöpft aber aus der Quelle der Comics: Wenig erstaunlich, dass diese Arbeiten an die Pop-Art-Kunst von Roy Lichtenstein erinnern, doch geht Collier noch einen Schritt weiter, indem sie durch die Konzentration aufs Detail zuweilen fast schon abstrakte Bildwirkungen erzielt.

Die Grobkörnigkeit etlicher Werke betont einen gewissen dokumentarischen Touch und ist beabsichtigt: „Bei der Bearbeitung im Studio“, sagt Collier „achte ich sehr darauf, dass das Ergebnis nicht zu glatt, zu digital wirkt.“ Als typisches Beispiel für ihr Vorgehen mögen zwei große Hochformate dienen, die eine unbekleidete junge Dame mit ausgeprägten Bräunungsstreifen in Rückenansicht beim Gang in schäumende Meeresfluten zeigt, auch dies natürlich eine Klischeedarstellung in Reinkultur: „Das ist ein Postermotiv namens ,California Girl‘ oder so ähnlich, das ich im Internet gefunden habe“, erzählt Collier. „Ich habe dann die Gebühr für das Copyright bezahlt und diese Fotografie mit einer Negativdarstellung desselben Motivs kombiniert.“ Die alsbald die überzogen sonnige Atmosphäre des Originals um so mehr ins Geisterhafte kippen lässt.

Dass viele Quellen aus den 70er und 80er Jahren stammen, liegt daran, dass Collier selbst 1970 geboren ist: „Da spielen Fragen eine Rolle, die mich persönlich als Teenager beschäftigten. Um zum Beispiel etwas über die Lieblingsmusik zu erfahren, musste man Magazine lesen, deswegen bin ich schon früh auf diese Art von Darstellung gestoßen – in welcher Form etwas der Öffentlichkeit vermittelt wird.“ Apropos Musik: Auf einigen Fotos ziehen Hände Vinyl-Schallplatten aus Hüllen, deren Cover schon mal eine Marilyn Monroe schmückt.

Anne Collier ist sicherlich eine Vertreterin feministischer Kunst, hinterfragt aber auch ihre Geschlechtsgenossinnen: Eine Diaserie, deren Quelle wohl das Internet sein dürfte, thematisiert, wie sich Frauen auf Fotos ihrer Spiegelbilder selbst darstellen. Fazit: eine vielschichtige Ausstellung von eigenwilliger Ästhetik, die nachdenklich stimmen kann.

Von Jörg Worat

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