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Kultur Ohne falsches Pathos
Weltgeschehen Kultur Ohne falsches Pathos
19:33 23.09.2018
Vielschichtiges Spiel: die Hauptdarsteller Zora Fröhlich und Alex Friedland.
Celle

CELLE. Das kennen wir doch: Die offene Bühne ist leer. Vor der Brandmauer stehen Stühle, auf denen Schauspieler sitzen, die sogleich ihre Rollen übernehmen werden. Und sich nach ihren Szenen dort wieder hinsetzen. So oder ganz ähnlich konnte man es in späten Inszenierungen des Regisseurs Jürgen Gosch oft erleben. Und natürlich gab es derlei auch schon früher. Und diese Art des Inszenierens wird auch heute gelegentlich praktiziert. So auch von Nina Mattenklotz, der Regisseurin von Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ am Celler Schlosstheater. Wie sie das macht, das hat Niveau und auch eine Eigenständigkeit, die im Laufe des Abends die Gedanken an den inzwischen längst verstorbenen Regiealtmeister vergessen lässt.

Allerdings beginnt der Abend zunächst mit weniger gelungenen Momenten, so beispielsweise mit einer Gesangsnummer, bei der kaum etwas passte, außer dass sie dramaturgisch sehr geschickt integriert wirkte. Auch später gab es immer wieder Gesangsstücke, die sich wie von selbst aus dem Spiel heraus ergaben und deshalb meist überzeugend wirkten. Eine Ausnahme war ein Song auf Englisch, der wie ein Fremdkörper erschien.

Der Ansatz von Mattenklotz überzeugte als Ganzes in hohem Maße. Mattenklotz sieht das Schiller-Stück wohl als direkte Verbindung zwischen dem früheren Sturm-und-Drang-Stück „Die Räuber“ und der späteren szenischen Freiheitsparabel „Don Carlos“. Natürlich geht es in dieser Inszenierung um die Liebe zweier Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, aber es geht eben vor allem auch darum, dass zum Ausleben einer solchen Liebe die Gesellschaft den Betroffenen die entsprechende Freiheit gewähren muss. „Sire, geben sie Gedankenfreiheit“, so heißt es in „Don Carlos“, „Sire, geben sie Gefühlsfreiheit“, so könnte es in „Kabale und Liebe“ heißen. Direkt ausgesprochen wird das nicht, aber genau das schwingt den ganzen Abend mit. Und dazu passt dann auch, dass über der leeren Bühne ein seltsam verformter weißer Adler hängt, der Vogel, der später das Symboltier für den freiheitlichen deutschen Nationalstaat werden sollte. Und wer weiß, dass die Jahre der frühen Stücke auch die ersten Jahre eines deutschen Nationaltheaters waren, der spürt umso mehr die Ernsthaftigkeit der Regisseurin im Umgang mit dem Stück.

Aber es geht eben an diesem Abend nicht nur intellektuell ernsthaft zu, sondern auch sinnenfroh und schauspielerisch gekonnt. Da ist vor allem bemerkenswert, wie gut sich die junge Schauspielergarde an diesem Abend schlägt. Alle spielten so vielschichtig ihre Charaktere aus, dass man nur so staunte: keine Plattitüden, keine Verkürzungen auf gar zu einfache Festlegungen der Figuren. Und vor allem: Man brachte den sprachstarken, aber heute natürlich fernen Schiller-Text mit großer Selbstverständlichkeit herüber. Und ohne falsches Pathos.

Gelegentlich wich man in heutigen Jargon ab, entwickelte aus einer Szene heraus auch einmal eine sprachliche Vergegenwärtigung oder nutzte Schillers Vorlage für eine eher comedyhaft-moderne Nummer, die dann möglicherweise nicht jedem gefiel. Insgesamt aber war der Umgang mit der Sprache sehr gekonnt.

Die beiden Hauptrollen der Luise und des Ferdinand waren mit Zora Fröhlich und Alex Friedland abgesehen von wenigen Momenten herausragend besetzt, aber auch Marie Sophie Schmidt, Niklas Hugendick und Felix Lüke konnten auf jeweils ganz unterschiedliche Weise überzeugen.

Die beiden Väter der Liebenden hingegen blieben in dieser Aufführung eher blass, was möglicherweise nicht an den Schauspielern Hussam Nimr und Johann Schibli lag, sondern daran, dass sie eventuell in dieser Konzeption eher blass herüberkommen sollten. Insofern war auch das gelungen. Wie der Abend als Ganzes. Sehr erlebenswert.

Von Reinald Hanke

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