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Kultur Orientierungslos im Ehedickicht
Weltgeschehen Kultur Orientierungslos im Ehedickicht
22:04 04.11.2018
Hussam Nimr, Johanna Marx, Verena Saake und Dirk Böther (von links) zeigen im Schlosstheater die Untiefen der Befindlichkeiten nach zig Ehejahren. Quelle: Hubertus Blume
Celle

Ein Wald mitten in Manhattan, in dem zwei Paare nach Orientierung in ihrem Ehedickicht suchen. So ließe sich das von Baumstämmen dominierte Bühnenbild von Martin Käser auf der Hauptbühne des Celler Schlosstheaters interpretieren. Wie kein zweiter Autor und Filmemacher steht Woody Allen für New York, daher ist es schon fast selbstverständlich, dass die vier Hauptpersonen seiner Komödie „Husbands and Wives“, die am Freitagabend unter der Regie von Tom Feichtinger Premiere feierte, in der Großstadt zwar in materiell gut situierten Verhältnissen leben, auf der Gefühlsebene jedoch ihre Balance vollständig verloren haben.

Literaturprofessor Gabriel ist in seinen Tagträumen eher bei seinen jungen Studentinnen als bei seiner Frau Judy, und Jack „scharf auf seine Yoga-Trainerin“. Ehefrau „Sally ist so kalt“, gibt er sich Freund Gabriel gegenüber sehr offen. Allen hat die Untiefen der Befindlichkeiten nach zig Ehejahren ausgelotet, und Regisseur Tom Feichtinger gelingt es, sie dem Publikum auf unterhaltsame, aber nie in den Boulevard abrutschende Weise näherzubringen. Die einzelnen Szenen gehen geschmeidig ineinander über, werden zu einem kunstvoll verwobenen Geflecht, das den Figuren Konturen verleiht und damit eine Projektionsfläche schafft für langjährige Paare – und für solche, die es werden wollen, einen Blick in die Zukunft wirft. Allen hat aus seinen Therapieerfahrungen nie einen Hehl gemacht, in die Rolle des Psychiaters schlüpft eine Stimme aus dem Off, der die Protagonisten ihre geheimen Wünsche und Gedanken offenbaren. Die echte Gefühlswelt wird der Fassade des realen Miteinanders gegenübergestellt. Der Zuschauer ist den vier ehemüden Helden immer einen Schritt voraus und kann sich darüber amüsieren, wie sie sich abstrampeln, um die Risse notdürftig zu kitten, oder komplett zerschlagen, was eigentlich noch zu retten wäre.

Die Dialoge kommen wie das Stück insgesamt leichtfüßig, aber nie oberflächlich daher, nie wird es quälend, aber Stoff, nachdenklich zu werden, gibt es reichlich. Allen hält den Spiegel vor, hat keine Konstellations-Variante ausgelassen. Sally will das Leben als Single probieren, wird von Freundin Judy jedoch mit einem Kollegen verkuppelt, auf den eigentlich Judy selbst ein Auge geworfen hat. Jack landet mit Yoga-Lehrerin Sam erst im Bett und dann im Chaos, und Gabriels Tagträume könnten Wirklichkeit werden. Er ergreift vor Studentin Rain jedoch die Flucht, weil er Angst vor echter Liebe hat.

„Die werden bestimmt wieder zusammenkommen“, wird in der Pause über den Fortgang der Geschichte spekuliert. Das Publikum fiebert mit – ein Kompliment für Regisseur Feichtinger, Dramaturgin Mona vom Dahl, Bühnen- und Kostümbildner sowie die gesamte Darstellerriege. Zwischendrin gibt es obendrein melancholisch angehauchte Songs – virtuos dargeboten von Felix Lüke.

Nur auf eines müssen die Zuschauer an diesem gelungenen Theaterabend verzichten: ein Patentrezept für den Beziehungsdschungel. Weil es das einfach nicht gibt.

Von Anke Schlicht

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