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Kultur Plädoyer wider das Vergessen
Weltgeschehen Kultur Plädoyer wider das Vergessen
14:13 13.09.2018
Das Schauspiel Hannover hat das Stück „Trutz“ auf die Bühne gebracht. Hier eine Szene mit Sarah Franke und Markus John. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

140 Minuten Theater ohne Pause: Das klingt nach einem mächtigen Brocken. Und ist doch relativ zu betrachten – immerhin geht es in Christoph Heins Roman „Trutz“ um nichts Geringeres als große Teile der deutsch-russischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Im hannoverschen Schauspielhaus ist jetzt die Bühnenfassung angelaufen, eine Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Bei so viel Aufarbeitung der Historie kann einem angst und bange werden, und zu Beginn scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. In trockenem Dozententon schwadroniert da jemand über den Hitler-Stalin-Pakt und legt von Zeit zu Zeit Folien auf einen Overhead-Projektor. Doch das lassen sich zwei vermeintliche Theaterbesucher nicht bieten: Der Vortrag sei fehlerbehaftet, meint einer in den vorderen Reihen, ein anderer, weiter hinten, lässt sich weniger höflich mit einem „Klugscheißer!“ vernehmen. Schließlich erklimmt das Duo die Bühne: Es stellt Maykl Trutz und Rem Gejm dar, die beiden Hauptfiguren der Handlung.

Eine finstere Vergangenheit tritt zutage, sind doch die Eltern von Trutz und Gejm dem Räderwerk totalitärer Regimes zu Opfer gefallen. Der liberale Schriftsteller Rainer Trutz ist einst vor den Nationalsozialisten nach Russland geflohen, wo er indes im Zuge der stalinistischen „Säuberungen“ den Tod in einem Gulag findet. Mutter Gudrun geht in der Verbannung zugrunde, und auch Professor Waldemar Gejm stirbt entkräftet nach seiner unvermittelten Deportation.

Er hat zuvor sowohl seinen Sohn als auch Maykl Trutz in einer speziellen Mnemotechnik unterrichtet, die verhindert, dass Ereignisse aus dem Gedächtnis getilgt werden, selbst wenn sie lange zurückliegen. Genau davon handelt der Stoff mit dem trutzigen Titel – es ist ein Plädoyer wider das Vergessen.

Das kann man mit viel Pathos auf die Bühne bringen, Regisseur Dušan David Parízek schwebt jedoch anderes vor. Sein Zugriff hat eine gewisse Leichtigkeit, ja durchaus etwas Komödiantisches, ohne dass die Vorlage dadurch denunziert wird.

Parízek setzt auf Konzentration und ist sein eigener Bühnenbildner. Zu sehen ist im Wesentlichen nur ein karger, über Eck gebauter Raum, außerdem hat der Regisseur sämtliche Rollen auf ein Quartett verteilt. Das daher um so hochkarätiger sein muss und auch ist: Sarah Franke und Henning Hartmann gehören zu den wandlungsfähigsten Mitgliedern des hannoverschen Ensembles, Markus John und der auch aus Film und Fernsehen bekannte Ernst Stötzner sind ebenfalls Spitzenklasse. Wie Stötzner gegen Ende mit wurschtiger Punk-Attitüde den aufmüpfigen Jugendlichen in der DDR spielt, gehört zu den Höhepunkten der Aufführung.

In Windeseile wechseln die Akteure Kostüme, Geschlechterrollen und Dialekte. Manchmal wird es etwas arg klamaukig, einzelne Szenen driften einen Tick in die unangenehmeren Bereiche des Regietheaters – aber unter dem Strich ist dieser Abend eine sehr reife Leistung, die vom Publikum entsprechend honoriert wird.

Von Jörg Worat

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