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Kultur Schätze aus den Tiefen der Archive
Weltgeschehen Kultur Schätze aus den Tiefen der Archive
15:23 09.11.2018
Ella Bergmann-Michel: "alter Baum", 1917 Tusche, Aquarell und Bleistift auf Transparentpapier. Quelle: Herling/Herling/Werner, Sprengel Museum Hannover
Hannover

Glauben Sie, die Sammlung des Sprengel Museums gut zu kennen? Eine neue Präsentation könnte diese Einschätzung ins Wanken bringen: Nicht zum ersten Mal fördern die Ausstellungsmacher erstaunliche Schätze aus den Tiefen der Archive zutage: „Gestaute Kräfte“ heißt die üppige Schau, die um Graphik aus der Zeit des 1. Weltkriegs und vor allem aus den Folgejahren kreist.

„hier ist noch alles in der schwebe“ heißt ein Blatt von Max Ernst, dessen Titel ganz gut auf die Zerrissenheit jener Epoche übertragen werden kann: Erleichterung über das Kriegsende auf der einen Seite, Verrohung auf der anderen; viel Angst und Unsicherheit, zugleich eine unbändige Vergnügungssucht. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander, die Künste indes können sich so frei entfalten wie schon lange nicht. Da erinnert so mancherlei ans Hier und Jetzt? Es lässt sich kaum bestreiten.

Eine Spezialität von Kuratorin Karin Orchard ist es, ganz große Namen sinnfällig mit Neu- oder Wiederentdeckungen zu kombinieren. Wobei größere Bekanntheit nicht zwangsläufig für bessere Qualität spricht: Die Arbeiten des Expressionisten Erich Hartmann etwa können in Sachen Intensität durchaus mit denjenigen viel berühmterer Kollegen mithalten. Noch exotischer dürfte der Name René Beeh wirken – der Künstler, der hier mit der aquarellierten Federzeichnung „Eingeborener aus Algier“ vertreten ist, wurde einst als kommendes Genie gepriesen, verstarb jedoch mit gerade einmal 36 Jahren an der Grippe.

Damals sprossen die Kunstrichtungen wie Pilze aus dem Boden, und alle wichtigen Entwicklungen sind hier zu finden. Die Bandbreite der „Brücke“-Künstler etwa wird deutlich, wenn man kontrastreichen Holzschnitten von Karl Schmidt-Rottluff eine der typisch luftigen Aktzeichnungen von Otto Mueller gegenüberstellt, dessen etwas exotisches Erscheinungsbild wiederum auf einem Porträt von Ernst Ludwig Kirchner gut zur Geltung kommt. Wer es lieber abstrakt-geometrisch mag, wird unter anderem bei Walter Dexel und Theo von Doesburg fündig.

Das Gerücht, die Neue Sachlichkeit wäre gerade bei den hannoverschen Künstlern besonders brav gewesen, lässt sich kaum aufrecht erhalten, wenn man die grausigen Mordbilder von Erich Wegner sieht. Surrealistisch verspielt geht es bei Max Ernst zu, dessen erste Ehefrau Louise Straus hier übrigens ebenfalls vertreten ist – sie wurde 1944 im KZ Auschwitz umgebracht.

Die Kuratorin stellt zudem überraschende Zusammenhänge her. Dass man bei Arbeiten von Otto Dix mit Gruseleffekten rechnen muss, ist keine Neuigkeit, doch konnte auch der allseits geschätzte Emil Nolde in die Gefilde des Spukhaften eintauchen. Schließlich kommen in dieser Ausstellung auch diejenigen Künstler zu ihrem Recht, die sich einer eindeutigen Zuordnung entziehen – Paul Klee etwa lebte vor allem in seiner eigenen, sanft entrückten Welt, wie besonders schön eine handkolorierte Lithographie aus dem Jahr 1920 beweist: Wer wollte sich nicht immer schon mal das gewünschte Frühstück von einem Engel servieren lassen?

Von Jörg Worat

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