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Kultur Jeder Quadratzentimeter gestaltet
Weltgeschehen Kultur Jeder Quadratzentimeter gestaltet
17:02 07.07.2019
Historikerin und Leiterin des Residenzmuseums Juliane Schmieglitz-Otten gab die Erklärungen zur Schlosskapelle des Celler Schlosses ab.Schauspieler Felix Meyer (kleines Foto) umrahmte die Veranstaltung mit beeindruckenden Texten. Quelle: Oliver Knoblich
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Celle

Die letzte Veranstaltung der Reihe „Ein Raum zum Staunen“, die aufzeigt, dass die Schlosskapelle nicht nur ein historischer Raum ist, sondern viele Verbindungen in die Gegenwart aufweist, beschäftigte sich mit den Werken der Barmherzigkeit.

Blick in die Schlosskapelle

Zu Beginn gewährte Historikerin und Leiterin des Residenzmuseums Juliane Schmieglitz-Otten den Teilnehmern einen Blick in die Kapelle, die im Jahr 1485 als katholisches Gotteshaus geweiht wurde. Herzog Ernst der Bekenner führte im Jahr 1525 die Reformation in Celle ein. Celle ist zu der Zeit eine der wichtigsten Residenzstädte Niedersachsens mit einem Territorium, das von der Elbe bis zum Harz reicht. Sein Sohn Herzog Wilhelm der Jüngere ließ die Kapelle in den Jahren von 1565 bis 1576 in eine lutherische Kirche umgestalten, die protestantische Frömmigkeit, aber auch fürstliche Repräsentation widerspiegelt.

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Predigt rückte in den Mittelpunkt

Die Kanzel nimmt einen zentralen Platz ein, denn die Predigt rückte in den Mittelpunkt des Gottesdienstes. Das Gesamtkunstwerk aus der Zeit der Reformation ist fast unverändert. Auf den ersten Blick beeindrucken die vielen Bilder, aber auch die aufwändigen Decken- und Wandgestaltungen sowie die Goldverzierungen. „Es gibt hier keinen Quadratzentimeter, der nicht irgendwie gestaltet ist“, bringt es Juliane Schmieglitz-Otten auf den Punkt. Die 78 Gemälde stammen von dem erfolgreichsten Antwerpener Maler seiner Zeit: Marten de Vos.

Sonderausstellung im Kapellenturm

Durch die schützende Glasscheibe in der Kapelle erkennt man wenige Details. Doch das gelingt umso besser in der Sonderausstellung im Kapellenturm „Die Celler Schlosskapelle in 3D erleben“, die sich genau über der Kapelle befindet. Die Bilder aus der Kapelle erzählen nicht nur biblische Geschichten, sondern man erhält ebenso einen Einblick in die Frömmigkeit der Herrschaftsfamilie. Rechts von der Kanzel befinden sich im direkten Blickfeld der Gottesdienstbesucher die Werke der Barmherzigkeit. Auf jedem Gemälde wird ein Werk dargestellt: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten. Immer steht ein Mann, der auf Grund seiner herausgehobenen Kleidung einen Fürsten oder Herzog darstellt, im Zentrum des Geschehens. Er verteilt das Brot an die Armen oder legt bei der Einkleidung des Nackten selbst Hand an.

Ein ganz neues Herrschaftsverständnis

„Dahinter steht ein ganz neues Herrschaftsverständnis“, erläuterte Juliane Schmieglitz-Otten. „Der Landesherr wird aufgefordert, sich selbst um das Wohl seiner Untertanen zu kümmern. Wer es ernst meint, übernimmt soziale Aufgaben und erringt so das Wohlwollen Gottes. Sicherlich mit Absicht schwebt quasi über den Werken der Barmherzigkeit das Gemälde vom Weltgericht.“ Es ist im täglichen Leben sehr schwer, Barmherzigkeit zu leben. Das ist heute so und das traf natürlich auch für den Alltag im 16. Jahrhundert zu. Herzog Wilhelm der Jüngere beispielhaft litt später an einer Geisteskrankheit, in deren Verlauf er aggressiv gegen seine Frau und seine Kinder vorging. Wir haben in dieser Woche das Handeln der Kapitänin Carola Rackete verfolgt: Sie hat geholfen, ohne auf die Einhaltung aller Regeln zu achten.

Stimmgewaltig Passagen von Felix Meyer

Schauspieler Felix Meyer verdeutlichte diesen Widerspruch in uns allen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Realität und Ideal in dem er stimmgewaltig Passagen aus Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“ sowie aus dem Roman „Erschlagt die Armen“ von Shuoma Sinha, der sich kritisch mit der europäischen Asylpraxis auseinander setzt, rezitierte. Tief beeindruckt und nachdenklich verließen die Besucher am Ende der Veranstaltung den Ausstellungsraum.

Von Petra Senftleben

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