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Kultur Von einem Spitzenorchester etwas mehr erwartet
Weltgeschehen Kultur Von einem Spitzenorchester etwas mehr erwartet
14:03 26.10.2017
Hannover

Hier dreht sich alles um die Giganten Beethoven und Goethe, und im Mittelpunkt steht die „Egmont“-Musik, von der üblicherweise nur die Ouvertüre gespielt wird. Zu Goethes Trauerspiel haben Dirigent und Darsteller eine halb szenische, halb konzertante Fassung entwickelt, in die auch Dichtung von Franz Grillparzer eingeflossen ist.

Wer von einem Schauspieler das bedingungslose Aufgeben der eigenen Person erwartet, muss sich einen anderen Favoriten suche. Brandauer ist und bleibt Brandauer, dies allerdings mit allen Qualitäten: Wie er da den Krieg mal laut bejubelte und mal leise verdammte, wie er innig von Clärchen schwärmte, das und noch mehr kam ohne Rücksicht auf Verluste von der Rampe. Wobei der Darsteller, und das ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig, die Kunst der Phrasierung aus dem Effeff beherrscht, also musikalisch zu sprechen versteht.

Hengelbrock und das Orchester wollten sich da nicht lumpen lassen. Das klang schon sehr süffig, und es wurde hörbar, was der Dirigent in einem Interview gesagt hatte: Wenn von Blut die Rede sei, müsse auch in der Musik jenseits allen gefälligen Schönklangs Blut fließen. Sopranistin Katharina Konradi rundete das Geschehen mit zwei tadellos servierten Clärchen-Lieder ab.

So weit, so gut. Leider, es war fast zu erwarten, litt der Vortrag unter der Saalakustik. Bei Brandauers Solo-Passagen waren die Worte trotz ausgeprägter Halleffekte weitgehend gut verständlich, sobald Sprecher und Musiker synchron agierten, hingegen nicht unbedingt – dies zumindest der Höreindruck im ersten Rang. Ein wenig schade, doch unter dem Strich kein Anlass, die Zuhörer an großem Jubel zu hindern.

Der war vor der Pause noch ausgeblieben, als der Beifall eher unterkühlt ausfiel. Angemessen, denn bei Beethovens 4. Symphonie waren die Musiker noch nicht auf Betriebstemperatur, wiewohl Hengelbrock auf dem Podium zuweilen in dramatische Posen verfiel. Routiniert ja, mitreißend nein – da kann man von einem Spitzenorchester ein bisschen mehr erwarten.

Von Jörg Worat